Stark, sicher und bequem

Ein Artikel von DI Andreas Fischer, Land- und Forstwirt | 30.09.2019 - 08:27

Bei der Inspektion des Traktors sticht sofort die robuste Forstschutzausrüstung („heavy“, M2-MHS) ins Auge. Neben einer stabil verankerten Bodenschutzplatte, einem Tankschutz unten (Materialstärke 6 mm) sowie einer weiterführenden Seitenverkleidung auch für Getriebe und SCR Cat (Materialstärke 3 mm) sorgen vor allem ein Viersäulen-Forstrahmen eine schlagfeste, 12 mm dicke Makrolon-Heckscheibe aus bruchsicherem Polycarbonat, zwei konturangepasste Motorhauben-Schutzbügel, zwei abnehmbare Rückspiegel, der seitliche Kotflügelschutz hinten sowie zwei „bewegliche“ Aufstiege in die Fahrerkabine  für Sicherheit und Schutz vor Einwirkung äußerer Gefahren bei der Waldarbeit. In der Grundausstattung wird das Forstmodell vorne alternativ auch mit zwei Stahlseilen (Astabweisern) ausgerüstet. Die werkseitig aufgezogenen Nokian-Spezialreifen sind auf verstärkten Forstfelgen mit Ventilschutz montiert. 

Die Mehrkosten für das aufgebaute Profi-Forstpaket betragen laut Ausrüster rund 16.000 € (exkl. MwSt.). Sämtliche Bauteile sind sandgestrahlt, grundiert, lackiert und nach den geltenden Forstschutznormen (DIN-ISO 8083 und DIN-ISO 8084) geprüft. Um die beiden vorderen Kotflügel im Wald nicht unnötig zu strapazieren, wurden sie vor dem Test mit wenigen Handgriffen abmontiert. Erst dann ging es ans Eingemachte.

Alles gut im Blick

Gute Sicht nach vorne eröffnet eine einteilige Panorama-Frontscheibe mit einem äußerst breiten Scheibenwischfeld (235°). Die durchlaufenden Scheiben sind von schlanken Säulen unterbrochen. Ein getöntes und aufklappbares Dachfenster lässt auch von oben Luft und Licht in der Kabine. Bis zu 10 Arbeitsscheinwerfer stehen mit den Hauptlichtern zur Verfügung. Für den vorderen und hinteren Dachbereich wären sogar noch zusätzliche LED-Scheinwerfer erhältlich. 

Lenkrad und Sitzfederung können rasch auf individuelle Bedürfnisse eingestellt werden. Eine Rückfahreinrichtung hat das Testmodell nicht. Nach hinten ist der Ausblick gut (kein Gitter!), die Heckscheibe darf aus Sicherheitsgründen im Forst nicht vollständig, sondern nur wenige Zentimeter geöffnet werden, da ansonsten der Schutz lt. ISO 8084 für den Fahrer nicht gegeben ist. Das war beim Anhängen (wegen des eingeschränkten Blickkontakts zum Heck) etwas unangenehm.

Technische Daten Steyr Multi 4120 Forst
BESCHREIBUNG DATEN
Motorleistung in kW/PS  86/117 PS
Zylinderanzahl 4
Kubikzentimeter (cm3)  3.400
Kraftstofftank (Liter) / AdBlue 150/14
Max. Hydraulikpumpenleistung (CCLS) in l/min 100
Radeinschlagwinkel (Grad) 55
Bereifung vorne Nokian 500/65R24 TR Multiplus
Bereifung hinten Nokian 600/65R34 TR Multiplus
Leergewicht in kg (ohne Forstausstattung) 4.390
Zulässiges Gesamtgewicht in kg 8.000

Komfort auf Knopfdruck

Das Herzstück, ein 117 PS starker 4 Zylinder-Common-Rail-Turbodiesel-Intercooler-Motor mit Ecotech-Power (Drehmomentanstieg: 30%), bringt seine maximale Leistung bereits bei 1.900 U/min. 

Das Traktorgetriebe besitzt jeweils 32 Vorwärts- und Rückwärts-Gänge sowie eine 4 fach-Lastschaltung mit Powershuttle für den per Knopfdruck zu bedienenden Fahrtrichtungswechsel ohne Kupplung. Ein in die rechte Armlehne integrierter „Multicontroller“ ermöglicht die bequeme Steuerung der Traktorfunktionen (Drehzahlspeicher, Schnellaushub/Heckhubwerk etc.) mit nur einer Hand. Zahlreiche zu- und wegschaltbare Automatisierungsfunktionen können schnell ausgewählt werden, das geht bis hin zur vollautomatischen Schaltung aller Gänge und Lastschaltstufen in einer Gruppe. Ist die Brems- und Kupplungsfunktion „S-Stop“ aktiviert, kuppelt der Multi beim Betätigen der Bremse selbstständig aus und beim Loslassen wieder ein. So kann man im steilen Gelände auch mit schwerer Last sicher stehenbleiben und wieder anfahren, ohne sich der Gefahr auszusetzen, unkontrolliert wegzurollen. 

Musste früher der Gruppengang (1, 2, 3 oder 4) noch mit einem großen Schalthebel eingelegt werden, so ist heute alles in der weiterentwickelten Knopfdrucksteuerung, dem sogenannten „Multicontroller“, vereint. Neu ist der darauf sitzende, rückwärtige Shift-Knopf für das manuelle Gangwechseln. Je nachdem, ob vorab das „Schildkröten“- oder schnellere „Hasen“-Tempo gewählt wird, stehen im Anschluss für jeden Gruppengang jeweils vier Lastschaltstufen für vorwärts oder rückwärts zur Verfügung. Die Power Clutch-Ausrüstung sorgt für eine weichere und leichtgängigere Betätigung der Kupplung.

Die elektronische Schaltung am Multicontroller ist anfangs gewöhnungsbedürftig. Beim Zug schwerer Lasten muss schon früh mit dem Zurückschalten begonnen werden, um bevorstehende Bergauffahrten problemlos zu meistern.

Der Zeitpunkt des Gangwechsels (zwischen 800 und 2100 U/min) ist manuell einstellbar. Auf Wunsch schaltet das Getriebe innerhalb der Lastschaltstufen auch automatisch. Mit Ecotronic steuert man links das Handgas und rechts das Getriebe. Die Schaltpunkte des Getriebes können stufenlos zwischen Eco- und Power-Modus variiert werden. Während der Eco-Modus bereits bei niedrigen Drehzahlen schaltet, um den Motor so im dieselsparenden Drehzahlbereich zu halten, erfolgen die Schaltvorgänge im Power Modus eher bei höheren Drehzahlen, um die Arbeiten mit großem Leistungsbedarf und ausreichend Kraft zu bewerkstelligen. 40 km/h auf der Straße werden schon ab 1.730 U/min erreicht. Die Leerlaufdrehzahl bewegt sich bei 700 U/min.

Vierfachzapfwelle, starkes Hubwerk

Mit einem Handhebel rechts vom Fahrer können die Zapfwellengeschwindigkeiten ausgewählt werden. Die 540er und 1.000er sind im Power-Modus bei Motordrehzahlen zwischen 1.800 und 1.900 U/min angesiedelt, die selbigen Eco-Drehzahlen liegen etwas niedriger. 

Das Heckhubwerk verfügt über eine präzise, elektronische Hubwerksregelung (EHR) und eine Hubleistung bis zu 5 Tonnen. Beim Multi stehen eine Axialkolben-Hydraulikpumpe (CCLS) mit einer Förderleistung von 80 l/min für bis zu fünf mechanische Steuergeräte und eine Axialkolben-Hydraulikpumpe (CCLS) mit einer Förderleistung von 100 l/min mit elektronischen Steuergeräten zur Auswahl. Letztere verfügt über eine vom Fahrer bestimmbare Zeit- und Mengensteuerung. Die Bedienung der elektronischen Steuergeräte erfolgt mit dem in die Armlehne integrierten Joystick.

Die Außentaster links und rechts an den Kotflügeln hinten sorgen dafür, dass sowohl sämtliche Hub- und Absenkvorgänge als auch das Ein- und Ausschalten der Heckzapfwelle bequem von außen durchgeführt werden können. 

Praxistest-Bewertung – Steyr Multi 4120 Forst
BESCHREIBUNG BEWERTUNG
Forstausstattung (Rahmenaufbau, Stabilität, Wartungsfreundlichkeit) ++
Bodenfreiheit und Wendigkeit im Wald +
Einstiegstufen auf beiden Seiten, erste Stufe elastisch ++
Geräuschpegel in der Kabine, Geräumigkeit +
Panorama-Frontscheibe, Blickfeld +
Bruchfeste Makrolon-Heckscheibe ++
Öffnungswinkel Heckfenster o
Luftgefederter Sitz,  Innenbeleuchtung +
Steuerung/Multicontroller-Armlehne/Hebel- und Druckknopfbedienung ++
Automatisiertes 32 x 32 Getriebe mit 4 fach-Lastschaltung 
und Powershuttle +
4 fach-Zapfwelle mit Power-/Eco-Modus +
Wenderadius (> 4,30 m) +
Ecotronic (Abstimmung von Motor, Getriebe und Bedienung) +
Power Clutch (für elektronischen Kupplungsvorgang) +
Elektrohydraulische Allrad- und Differentialsperren-Schaltung +
Elektronische Hubwerksregelung (EHR) für 
präzise Einstellung der Anbaugeräte ++
Mittiges Bedienfeld mit Arbeitsleuchten, Leistungsmonitor ++
Klimaanlage und Heizung (Lüftungssystem) +
Vordere und hintere Arbeitsscheinwerfer im Kabinendach +

Wendig und vielseitig

Mit einem Lenkeinschlag von 55 Grad und einem Wenderadius von etwa 4,30 m ist der Multi im Gelände gut manövrierfähig. Die vorne zuschaltbaren Allrad-Antriebsachsen sind auffällig robust ausgeführt. Die Differentialsperre an der Hinterachse ist gemeinsam mit jener der Vorderachse elektrohydraulisch sperrbar.

Seine hohe Nutzlast bis zu 3000 kg bei einem Leergewicht von etwa 4500 kg erleichtert universelle Einsätze. Ausgerüstet mit einer Druckluftbremsanlage, können mit dem Multi auch große Anhänger(-lasten) bewegt werden. Der Dieseltank ist neben der Fahrertür links gut zugänglich. Das Prüfen des Ölstands und das Nachfüllen sind auch ohne Öffnen der Motorhaube möglich. Diese ist einteilig und gasdruckgefedert und kann in zwei Positionen (45°/90°) angehoben werden. Die Reinigung des Kühlers geht dann einfach und schnell. Das Lüftungssystem für Heizung und Klimaanlage sorgte in der geräumigen Komfortkabine immer für angenehme Verhältnisse. Der Lärmpegel in der geschlossenen Kabine bewegt sich bei 72 dB(A), Staubbelastungen reduzieren sich hier auf ein Minimum. Die funktionale Armlehne rechts ist auch hochklappbar. Das erleichtert das Aussteigen auf der rechten Seite. 

Fazit

Die Markteinführung des getesteten Multis geht auf das Jahr 2012 zurück. In der Zwischenzeit gab es zahlreiche Weiterentwicklungen unter Einbeziehung der Praxis. Der Traktor wird in St. Valentin mit augenscheinlicher Detailverliebtheit hergestellt. Als Arbeitspferd überraschte er im Test mit neuen, hilfreichen Funktionen und Extras. Der Multi arbeitete mit jedem Anbaugerät verlässlich und effizient. Motor, Getriebe, Antriebsachsen, Lenkung und Bremsen sind dabei gut aufeinander abgestimmt. Die strapazierfähige Forstbereifung leistete auch im unwegsamen Gelände gute Dienste. Mit seinem optimierten Fahrwerk ist der wendige Multi universell am Hof oder auf der Straße gut einsetzbar. Die Forstschutzausrüstung war top. Auch die umrahmte Motorhaube lässt sich nach dem Öffnen von zwei Flügelmuttern bequem anheben, auch wenn sie Mehrkosten verursacht, kommt sie im strapazierenden Forsteinsatz, über die Nutzungsdauer gerechnet, in jedem Fall der Sicherheit des Fahrers und dem Werterhalt des Multis zugute. Für (gemischte) Waldbauern-Betriebe bietet Steyr auch die günstigeren Forstausrüstungsvarianten „light“ sowie „light inklusive Seitenverkleidung“ an. Unser Tipp: Der Fachhändler vor Ort unterstützt auch gerne bei der Findung individueller Lösungen.