Reviergang

Von Jagdpachtfallen und Inkonsequenzen

Ein Artikel von Peter Burkhardt | 06.10.2020 - 10:55

Egal, ob bereits umgebauter Wald, noch vorhandene Monokultur oder sich im Umbruch befindende Bestände – überall ist der Mischwald Lebensraum von Rehen sowie vielerorts auch Rotwild. An anderer Stelle finden sich auch noch Dam-, Muffel- oder Gamswild, um nur drei weitere Arten zu nennen. Alle diese Wildarten leben nicht nur im, sondern auch vom Wald. Neben der Nutzung als Nahrungsquelle kann das Verhalten des Wildes den Wald z. B. durch Fege- oder Schälschäden weiter beeinträchtigen.

Forstgatter als Lösung?

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Um Wald- wildschäden besser zu visualisieren, hilft es, in einer Abteilung alle geschädigten Bäume so zu markieren. Das Erstaunen bei Waldbesitzer und Jäger ist dann oft groß © Peter Burkhardt

Befindet sich im Wald ein angepasster Wildbestand, sind die Nutzung als Nahrungsquelle und das Verhalten der Tiere tolerabel. Die Auswirkungen eines überhöhten Wildbestandes machen rentable Forstwirtschaft jedoch unmöglich. Vielerorts hält sich zu viel Schalenwild im Wald auf, dessen Schäden beträchtliche wirtschaftliche Verluste bedeuten. Dazu gehört u.a. ein Verlust des Zuwachses, Holzwertes und Ertrages.

Als Gegenmaßnahme kommen dann zumeist Forstgatter ins Spiel. Beim Einsatz von Gattern werden die daraus resultierenden Folgen oft vergessen: Gatter versiegeln den Wald, ein erhöhter Wilddruck lastet als Folge auf den verbleibenden Flächen. Die dort entstehenden Schäden addieren sich zu den hohen Erstellungs-, Kontroll- und Unterhaltungskosten für „wilddicht“ eingezäunte Flächen. Bestehen diese Schutzvorrichtungen länger, bleiben sie irgendwann nicht mehr wilddicht.

Wildschäden unterschätzt

Die Populationen waldbaulich bedeutender Wildarten (Rot-, Dam- und Rehwild) steigen seit Jahrzehnten immer mehr an. Statt weniger bekommen wir immer mehr Wild im Wald. Die Folgen: 

  • Wildschäden nehmen zu.
  • Die Kosten für Schadenspräventionen steigen.
  • Der Jagdaufwand wird höher.

Es besteht daher ein akuter Handlungsbedarf, aber Wildschäden werden zu oft unterschätzt. Diskussionen unter Förstern, Waldbesitzern und Jägern legen den Schluss nahe, dass das Thema Wald-Wild-Schäden oft noch nicht angekommen ist. Nicht einmal ein gesunder, kritischer Dialog findet hier statt. Daher seien mögliche Fragen einmal aufgeworfen:

  • Wann war der Waldbesitzer zusammen mit dem ihn betreuenden Förster im Wald, um das Thema Wildschäden zu erörtern?
  • Wann waren der Förster und der Jagdausübungsberechtigte einmal zu einer Begehung gemeinsam im Wald?
  • Wann waren der Waldbesitzer und der Jagdpächter zuletzt gemeinsam zur Begehung im Forst?

Die Jagdpachtfalle

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Die Fotofallen des Waldbesitzers (!) belegten immer wieder, dass viel mehr Wild zugegen war und ist, als es der Jagdpächter einräumen wollte © Peter Burkhardt

Statt eines konstruktiven Dialogs oder einer kritischen Reflexion stoßen wir häufig auf folgende Ansicht: Mit der Jagd kann man Geld verdienen. Grundbesitzer tappen dann gerne in eine Falle, denn Jagdeinnahmen durch Pachtverträge spülen Geld in die Kasse. Diese Erträge erscheinen auf dem Konto und sind damit (viel einfacher als das volle Ausmaß etwaiger Wildschäden) messbar.

Doch hier besteht ein großer Denkfehler: Haben Sie jemals die Zuwachsverluste von Pflanzungen gegengerechnet? Die Holzentwertung? Die Kosten für Forstschutzmaßnahmen? Die Summe aller Ertragsverluste? Wer sich einmal diese Mühe gemacht hat, kommt zu erschreckenden Zahlen. Die deutschen Forstwissenschaftler Christian Ammer, Torsten Vor, Thomas Knoke und Stefan Wagner addieren – trotz einer konservativen Berechnung – in ihrem Werk „Der Wald-Wild-Konflikt“ die Kosten für Wildschutzzäune beispielsweise für Deutschland mit „jährlich mindestens 90 Millionen Euro“. Die Ergebnisse der deutschen Bundeswaldinventur lesen sich so: „Jährlich werden rund 11 Milliarden Bäume verbissen, nahezu jeder fünfte junge Baum. Um Verbiss vorzubeugen, sind rund 300.000 ha Wald eingezäunt“. 

Hier geraten manche Waldbesitzer in die Jagdpachtfalle: Nicht immer ist der Jagdpächter, der einen deutlich höheren Preis bezahlt als ein Mitbewerber, auch der bessere Jäger aus Sicht des Waldbesitzers. Ein den waldbaulichen Zielsetzungen aufgeschlossener (ortsansässiger?) Jäger sollte demnach einen geringeren Pachtzins zahlen, denn er „rechnet sich“ bei Weitem mehr. „Wenn der Jagdpächter den Abschussplan nicht mehr bewältigt, könnte es so enden, dass Profis angestellt werden müssen. Die zahlen aber nichts, denn die müssen vom Verpächter bezahlt werden. Das ist volkswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich eine 180-Grad-Kehrt-Wende“, bringt es Prof. Dr. Friedrich Reimoser, steirischer Forstwirt und Wildtierökologe, auf den Punkt.

Schalenwild versus Biodiversität

Auch wenn verschiedene Einflüsse (z. B. Freizeitaktivitäten der Menschen) die Wald-Wild-Schäden zusätzlich erhöhen, so bleibt doch die Wilddichte DER Faktor, der Schäden erst zu Schäden werden lässt. Fakt ist: Der zivile Jäger will jagen, der Waldbesitzer möchte Holz ernten. Der Freizeitjäger nutzt den Wald als Kulisse, für den Waldbesitzer ist die Jagd ein Element seines Umganges mit dem Eigentum. Dabei hat Waldbesitz ökologisch und gesellschaftlich viel umfassendere Aufgaben.

Wenn die jeweiligen Jagdausübungsberechtigten die Wildschäden nicht in den Griff bekommen, wird der Gesetzgeber reagieren müssen. Die Schere zwischen waldbaulichen Zielen UND jagdlicher Praxis geht – bei immer höherer Belastung öffentlicher Haushalte, volatilen Holzpreisen und den Herausforderungen des Klimawandels – laufend weiter auseinander. Waldbauliche Schutzmaßnahmen kosten sehr viel Geld. Aus Sicht der Steuerzahler kann es nicht sein, dass hüben mehrere Hundert Millionen für geschädigte Wälder in Aussicht gestellt werden, drüben jedoch Waldbesitzer und Jäger ihre rudimentärste Aufgabe nicht erfüllen: den Wildbestand anzupassen! Und so wird die Frage der (Wald-)Wild-Schäden in Zukunft zur politisch-gesellschaftlichen Achillesferse der Jagd.

Immer Wald und Wild

Die Diskussionen zwischen Waldbesitzern und der Jägerschaft sind vom Grundsatz her falsch geführt. Der häufig von gegenseitigen Vorwürfen geprägte Ringkampf dieser Nutzergruppen zielt leider viel zu kurz. Wenn wir einmal den „Forst-Jagd“- und somit den „Mensch-Wald-Wild-Konflikt“ beiseiteschieben, kristallisiert sich ein ganz anderer heraus, der beiden in Kürze vor die Füße fallen wird: der Schalenwild- versus Artenvielfalt-Konflikt.

„Der Wald-Wild-Konflikt ist eine überwiegend monetär ausgerichtete Erfindung des Menschen, mit der auch gleichzeitig die Multifunktionalität des Ökosystems und des Kulturgutes Wald bagatellisiert wird“, formuliert es Dr. Jürgen Goretzki von der Fachhochschule Eberswalde in Brandenburg. Es gibt ein Biodiversitätsproblem, wenn zu viel Schalenwild den Wald dominiert. 

Zu guter Letzt: Alle Diskussionen, ob es nun „Wald vor Wild“ oder „Wild vor Wald“ lauten muss, sind folglich obsolet. Es ist immer „Wald UND Wild“, denn die Schalenwildarten sind Bestandteil des Ökosystems und des Kulturgutes Wald. Verzichten wir bitte zukünftig auf diesen Formulierungsstreit.