Wo die Ruhe, da der Frieden

Ein Artikel von Elisabeth Feichter | 14.06.2019 - 09:46

Rechtliche Rahmenbedingungen zur Schaffung von Wildruhegebieten seien geschaffen. Touristen und Sportbegeisterte könnten nicht einfach ausgesperrt werden. Daher brauche es Spielregeln und Normen, denn nicht jedes Ziel sei maximal machbar. Social Media führe zu raschen, unberechenbaren Trends in der Gesellschaft. Schlussendlich scheitern Projekte oft am Vollzug. 

1000 Wölfe hätten in Österreich Platz

Ein emotional diskutiertes Thema ist derzeit die Rückkehr des Wolfes. Prof. Dr. Klaus Hackländer von der Universität für Bodenkultur (BOKU) klärte mit Fakten auf. Mit 17.000 Wölfen in Europa (Stand 2016) und einer Wachstumsrate von 30 % sieht Hackländer keine Gefährdung dieser Wildart mehr. Österreich sei Europameister in Bezug auf Schalenwilddichte und habe zudem etwa 420.000 Nutztiere gealpt. Aus Sicht der Wölfe sei Österreich ein Paradies. Die Wachstumsrate könne bis zu 40 % ansteigen, was eine Verdoppelung des Bestandes in drei Jahren bedeute, erklärte der Professor. Der Wolf genießt durch die Berner Konvention und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie einen strengen rechtlichen Schutz in Europa, was eine jagdliche Regulierung derzeit verhindert. Doch die Rechtssituation sei veraltet. Hackländer schätzt, dass in 15 Jahren zwischen 50 und 500 Wölfe bei uns sein werden – Platz sei für 1000 Tiere. Direkte Effekte auf Schalenwildbestände seien gering, womit die Hoffnung auf die Mithilfe bei der Wildstandsreduktion passé ist. Hingegen werde es Auswirkungen auf das Wanderverhalten, die Reproduktion und die Raum-Zeit-Nutzung des Schalenwildes geben. „Der Wolf ist Realität und wird es auch bleiben, daher brauchen wir einen Managementplan. Die Frage ist: Wie viel und wo? Ich bin überzeugt, dass der Wolf in Österreich früher oder später bejagt werden wird“, meinte Hackländer. Wo Wölfe bisher immer waren, gebe es weniger Konflikte, da der Wolf bejagt werde und eine Scheu vor Menschen habe. Nicht nur der Mensch müsse sich anpassen, sondern auch der Wolf, so Hackländer. 

Platz für alle

Wildruhegebiete entlasten die Waldvegetation und dienen einer effizienten Wildstandsregulierung. Ein lokales Wegegebot ist hierfür laut Dr. Fritz Völk von den Österreichischen Bundesforsten die Mindesterfordernis. Damit ließe sich der Waldbesucher lenken, das Wild gewöhne sich an diese Linien und der Mensch werde kalkulierbarer. Völk verglich seinen Vorschlag mit einer sogenannten „Begegnungszone“. 

Ungestörtes Rotwild sei auch tagsüber auf Freiflächen zu sehen. Dieser Effekt zeigte sich auf der Beobachtungsplattform im Nationalpark Kalkalpen. Außerdem habe das Wild viel geringere Fluchtdistanzen. Mit zunehmenden Freizeitaktivitäten in der Natur werde es immer notwendiger, Schalenwild zu lenken, erklärte Völk. Die Jagd sei nur im Ausnahmefall als Lenkungsmittel einzusetzen. Viel besser eignen sich Ruhegebiete für Wildtiere. Feinde und Störfaktoren können Wild ebenso lenken wie bewusst gewählte Ruhegebiete, Wasserangebote, Salzlecken oder Zäune. Niemand müsse ausgesperrt werden, hieß es.

Wildruhegebiete sind rechtlich abgesichert

Die Ruhe für Wildtiere sei auch für den Gesetzgeber wichtig, so Mag. Freydis Burgstaller-Gradenegger, MBA, von der Kärntner Jägerschaft. Die Zuständigkeit zur Festlegung von Wildschutzgebieten liege bei den Bezirksverwaltungsbehörden, teilweise jedoch auch bei den Landesregierungen. 

Im Kärnten gibt es einen wildökologischen Raumplan, in dem 10 Wildschutzgebiete ausgewiesen sind. Das entspricht ungefähr 0,061 % der Landesfläche und umfasst Sommer- oder Wintereinstände, Brut- und Setzgebiete. Die Juristin wies darauf hin, dass Wildruhegebiete keine jagdlichen Sperrgebiete seien. In Wildschutzgebieten gelte Wegegebot, was kein absolutes Betretungsverbot bedeute. In der Ausweisung habe die Behörde eine Interessenabwägung zu machen, die Verhältnismäßigkeit zu prüfen, es gebe Anhörungsrechte und sie benötige die Zustimmung des Grundeigentümers. „Theoretisch sind die rechtlichen Möglichkeiten für Wildruhegebiete vorhanden“, stellte Burgstaller-Gradenegger fest. 

Outdoorsport braucht Lenkung. Es muss nicht alles überall möglich sein.

Univ.-Prof. Dr. Ralph Roth, Institut für Natursport und Ökologie, Köln

Intakte Natur gilt als Besuchermagnet

Aus Sicht der Sport- und Tourismuswissenschaft bieten Berge und Wildtiere Erlebnisse. Sport und Bewegung in intakter Natur sind im Trend. Bilder schöner Orte im Internet seien Werbung, so Univ.-Prof. Dr. Ralph Roth vom Institut für Natursport und Ökologie in Köln/DE. Etwa 40 % der Gesellschaft seien sportlich noch nicht aktiv und sollen zu Bewegung in der Natur motiviert werden.

Roth empfiehlt, Settings für Besucher und Gäste zu bieten. Beispielsweise könnten Themen vorgegeben oder Attraktionen geschaffen werden, die Aktivitäten ermöglichen. Als vorbildhaftes Exempel nannte Roth den „WildeWasserWeg“ im Stubaital, wo sich mittlerweile etwa 200.000 Besucher pro Jahr auf kleinstem Raum einfinden und auch Geld in der Region lassen. 

Deutschlands Wälder verfügen über 682.000 km Wege im Wald und diese stehen digital jedem zur Verfügung. Das Wegeangebot im Gebirge sieht Roth als das größte Problem. „Outdoorsport braucht Lenkung. Es muss nicht alles überall möglich sein“, untermauerte Roth seine Ausführungen. Er ist der Meinung, dass bei der Planung und Bewirtschaftung von Flächen, Sport und Erholung Berücksichtigung finden sollten. Jedoch müsse es auch Bereiche geben, die vorrangig der Natur gehören. Roth forderte außerdem wieder mehr Eigenverantwortung in der Gesellschaft. 

Wildschutzgebiete am Beispiel Graubünden/CH

Ein komplett anderes Wildtiermanagement stellte Hannes Jenny, Wildbiologe vom Amt für Jagd und Fischerei, aus dem Schweizer Kanton Graubünden vor. Dabei sei zu erwähnen, dass Graubünden über ein Lizenzjagdsystem verfügt und 90 % des Waldes den Einwohnern gehört. Seit 2016 gelte Fütterungsverbot. Die Lenkung von Wildtieren erfolge über Wildschutzgebiete (WSG), die Jagdverbote beinhalten, sowie Wildruhezonen (WRZ), die sich in Form von temporären Betretungsverboten an die Bevölkerung richten. Insgesamt habe der Kanton Graubünden 280 ausgewiesene Schutz- bzw. Ruhegebiete. Äsung und Feindvermeidung seien die Grundbedürfnisse, welche zu stillen seien. Rothirsche werden beispielsweise nur im September, November und Dezember bejagt, erklärte der Wildbiologe.

Jagdfreihaltung gebe es, wo das Wild äsen soll. WRZ seien von Jänner bis April wichtig, um das Rotwild zu überwintern. 56 % der Zeit verbringen Hirsche nun wieder im freien Gebiet. Hannes Jenny betonte, dass in WRZ das Feindbild Mensch deaktiviert werden soll. WSG wirken im Sommer und Herbst. Das Konzept existiere seit 1989 und es werde alle fünf bis sechs Jahre überarbeitet. Gebiete, die für die Jagd wichtig seien, würden nicht jenen entsprechen, die für die Gesellschaft wichtig seien. „Wölfe sind im Wildtiermanagement eine neue Größe, sie halten sich weder an Wildschutzgebiete noch Wildruhezonen“, erklärte Jenny. 

Vereinbarkeit von Tourismus und Wildruhe

Am Podium nahmen Platz: Mag. Gerald Pfiffinger, Geschäftsführer Umweltdachverband, Mag. Birgit Kantner, Österreichischer Alpenverein, DDR. Veronika Grünschachner-Berger, Wildbiologin, Naturpark Sölktäler, Rupert Quehenberger, Präsident LK- Salzburg, DI Dr. Johannes Schima, Walddialog BMNT und Franz Pötzleitner von Salzburg Tourismus. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass zwar alle Interessengruppen für gezielte Lenkung von Menschen und Tieren im Alpenraum sind, doch wie die Umsetzung erfolgen soll, blieb offen. Das größte Problem bleibe der Vollzug. Es brauche Wildruhezonen, Motivation und Sanktionen.