Reviergang

Geteiltes Leid

Ein Artikel von DI Thomas Buchhäusl | 10.12.2018 - 08:22

Ich versteh ja überhaupt nicht, warum Nachtzielgeräte verboten sind. In der Nacht seh ich sie immer. Die Viecher werden immer mehr und machen nur Schaden. Ihr Jäger müsst´s mehr schießen“, so ähnlich lauten oft die Worte der vom Rotwild geplagten Bauern. Auf den ersten Blick scheint die Nachtjagd erfolgversprechend zu sein. Das Wild ist vertraut und zeigt sich in großer Zahl auf Freiflächen. Doch warum tut es das?

Rotwild ist nicht von Natur aus nachtaktiv, sondern wurde vom Menschen durch dauernde Störungen zu dieser Lebensweise gezwungen. Durch falsche Bejagung und zu hohen Jagddruck weicht das Wild in die sicheren Nachtstunden aus. Es hat eben gelernt, dass ihm während dieser Zeit nichts passiert. Was wird das Wild also tun, wenn ihm der Mensch mit entsprechenden technischen Hilfsmitteln auch in der Finsternis zu Leibe rückt? Die Antwort gibt der Schweizer Wildbiologie Dr. Peter Meile: „Die Nachtjagd führt zwangsläufig zu vermehrter Nutzung der Bodenvegetation im Wald, sprich Wildschäden.“ Muss das Rotwild auch in den Nachtstunden auf Freiflächen um sein Leben fürchten, wird es auch diese meiden und in sicheren Waldbeständen bleiben. Wen wird die Land- und Forstwirtschaft dann in die Pflicht nehmen, wenn es dort vermehrt zu Schäden kommt?

Äsung in Hülle und Fülle

Eine interessante Beobachtung ist die Zunahme der Rotwildbestände in bisher nur schwach von dieser Wildart besiedelten Regionen. Eine Fütterung durch den Jäger kann dort als Ursache für den Anstieg ausgeschlossen werden. So ist beispielsweise in Kärnten die Fütterung von Rotwild in Rand- und Freizonen verboten. Vielmehr muss in diesen Gebieten die „Fütterung“ durch den Landwirt als eine der Ursachen unterstellt werden. Das Wild findet nahezu ganzjährig attraktive Äsung vor. Nicht nur der Mais im Sommer und Herbst, auch die Wintersaaten, Zwischenfrüchte und Winterbegrünungen bieten sich als Nahrung an. Die öffentlich geförderte Kulturlandschaft „sorgt“ also für das Rotwild. 

Hinzukommen die milden und auch in den Mittelgebirgen schneearmen Winter. Damit reduziert sich die Wintersterblichkeit noch weiter. Diese günstigen Lebensbedingungen fördern klarerweise das Anwachsen der Bestände. In den an die Ackerflächen anschließenden Wirtschaftswäldern leistet auch der Waldbau seinen Beitrag zur Wildschadenssituation. Die Wildbiologen und Forstwirte Nopp-Mayr, Reimoser und Völk haben gezeigt, dass hohe Nadelbaumanteile und Bestände mit Durchforstungsrückstand eine höhere Anfälligkeit für Schälschäden haben. 

Wie viel kostet die Leistung der Jäger?

Ein Blick auf die Entwicklung der Rotwildstrecke in Österreich zeigt einen Anstieg um 22 % auf 61.500 Stück innerhalb der vergangenen zehn Jahre. Die steigenden Abschusszahlen sind einzelnen Landesjagdverbänden geschuldet, die günstigere Rahmenbedingungen für die Rotwild-Bejagung geschaffen haben sowie beherzten Jägern, die diese Möglichkeiten auch nutzten. Zahlreiche Stunden für Revierarbeiten und Ansitze fielen dafür an. Dieser Aufwand und der Einsatz sind für die betroffenen Grundeigentümer nicht nur kostenlos, der Jäger zahlt auch noch dafür, dass er diese Dienstleistung erbringen darf. Derzeit ist das Verhältnis zwischen Grundeigentum und Jagd beim Thema Rotwild von zwei Annahmen geprägt: 1. Der Jäger ist für die „Problemlösung“ allein verantwortlich. 2. Was nichts kostet, ist nichts wert. Dabei wird vergessen, dass die Gestaltung der Wildtierlebensräume und die daraus resultierenden Lebensbedingungen und Schadanfälligkeiten in den Händen der Grundeigentümer liegen. Darüber hinaus darf man sich die Frage stellen, wie teuer denn die Leistung des Jägers sein müsste, wenn die Erreichung der waldbaulichen Ziele von ihm abhängen würde? 

Die sogenannte „Freizeitgesellschaft“ kommt letztlich als Einflussfaktor noch hinzu und wirkt sich direkt oder indirekt auf die Raumnutzung und Verteilung des Wildes sowie die Schadsituation aus. Josef Zandl von der Gutsverwaltung Fischhorn sieht das Optimum darin, dass sich das Wild seinen Lebensraum selbst wählt und der Mensch die Folgen daraus tolerieren kann. Um das zu erreichen, müssen alle Landnutzer innerhalb ihres Einflussbereiches Verantwortung übernehmen.