Was macht ein Wald im Fußballstadion?

Ein Artikel von MMag. Doris B. Grießner | 01.10.2019 - 14:30

Eine kleine Waldparzelle sorgt schon seit einigen Monaten für mediales Aufsehen. Das Besondere dabei: Ein Mischwald, etwas größer als ein halber Hektar, entstand im Klagenfurter Fußballstadion, dem Wörthersee Stadion – eine Location, die als Multi-Event-Stadion genutzt wird und immerhin 30.000 Zuseher fasst. 

Der Wald im Stadion überschirmt mit 299 Bäume den Fußballrasen. Was steckt hinter „For Forest“, dem Wald im Klagenfurter Fußballstadion? Und wie viel Natur braucht es in der Kunst? Die Idee, die seit 8. September Wirklichkeit ist, stammt vom Schweizer Medienkünstler Klaus Littmann und hat ein Bild mit dem Namen „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ des Tiroler Architekten Max Peintner zum Vorbild. „Die Zeichnung habe ich schon vor mehr als 30 Jahren gesehen – und so lange trage ich mein Vorhaben schon mit mir herum, es auch in die Realität umzusetzen“, so Littmann. 

Von den Rängen aus zu sehen

Der Mischwald ist von den Rängen des Stadions aus zu bewundern, nicht jedoch zu begehen. Eingegraben in den Fußballrasen wurden die Bäume jedoch auch nicht. Vielmehr ließ sich Littmann auf den Fußballrasen Lastenverteilungsplatten legen und darauf Baustellengitter befestigen. Auf dieser Konstruktion wurden die Bäume mit den freien Wurzelballen platziert, diese sind bis zur ersten Sitzreihe mit Hackschnitzeln und Rinde zugeschüttet, denn zu einem echten Wald gehört natürlich auch ein echter Waldboden. 

Was will der Schweizer Künstler, der bereits mehr als 80 internationale Projekte von Weltruf, wie mit Jean Tinguely oder Tony Cragg, realisierte, damit auslösen? „Der Wald im Stadion steht als ein Mahnmal dafür, dass der Mensch die Natur eines Tages nur mehr in einem künstlichen Raum bestaunen kann. Einfach, weil der Mensch mit seinem ständigen Konsumieren und Wachstumsgedanken über die Ressourcen unseres Planeten hinaus lebt.“ 

Kontrovers diskutiert

Doch das bisher größte in Österreich realisierte Kunstprojekt im öffentlichen Raum wird vor allem in der Medien- und Politlandschaft kontrovers diskutiert. Ein Grund dafür: Die benötigten Laubbäume stammen nicht aus Kärntner Wäldern oder den Bundesländern, sondern wurden mittels Lkw aus Italien, Deutschland, Belgien und den Niederlanden nach Kärnten gebracht. 

Ein Künstler, der mit „For Forest“ den Klimawandel thematisiert und zum sorgsamen Umgang mit der Natur aufrufen will, lässt selbst Bäume aus halb Europa nach Klagenfurt transportieren – nicht der einzige Vorwurf, den sich Littmann in den vergangenen Monaten von Kritikern des Projekts gefallen lassen musste. „Ursprünglich wollte ich natürlich Bäume aus Kärnten und den angrenzenden Bundesländern beziehen. Nach intensiven Recherchen hat sich gezeigt, dass die Bäume, die es in den österreichischen Baumschulen gab, für das Projekt nicht tauglich waren“, erklärt Littmann. Denn: Damit ein schöner dichter  Mischwald entstehen kann, müssen die Bäume eine entsprechende Größe und damit auch ein entsprechendes Alter aufweisen. „Dafür müssen die Bäume alle drei Jahre verschult werden, damit sie mit der beengten Wachstumssituation in den Töpfen zurechtkommen und keinen Stress haben“, weiß Littmann. 

Färbung des Laubs

Arrangiert sind die Laubbäume je nach zeitlichem Eintritt der Färbung des Laubs vom international bekannten Gartenarchitekten Enzo Enea. Er war es auch, der die geeigneten Bäume in Deutschland, Italien, Belgien und den Niederlanden aufspürte. Diese weisen eine Höhe von zwölf bis 14 Metern auf und sind zwischen 30 und 40 Jahren alt. „Damit der CO2-Ausstoß bei den Baumtransporten mit den Lkw nicht allzu groß war, wurde jeder Lkw beim Rücktransport als Spedition benutzt, wodurch Leerfahrten vermieden wurden“, verdeutlicht Littmann. 

Die Bäume waren auf einem Grundstück in der Nähe der Klagenfurter Innenstadt „geparkt“ und wurden täglich von Baumpflegern begutachtet:  „Den Bäumen geht es sehr gut, wir achten darauf, dass die Bewässerung täglich kontrolliert wird, eigene Baumwarte hegen und pflegen jeden einzelnen Baum“, erzählt Littmann. 

Klagenfurter Stadion ist Zufall

Dass Littmann das Projekt ausgerechnet in Klagenfurt umsetzt, ist „reiner Zufall.“ Seit Jahrzehnten war Littmann auf der Suche nach einem geeigneten Stadion, erst in Klagenfurt mit seinem nicht hundertprozentig ausgelasteten Stadion wurde er fündig. Laut einstimmigem Gemeinderatsbeschluss aus dem Jahr 2017 muss das Klagenfurter Stadion als Multifunktionsarena für Sportveranstaltungen, Konzerte oder Events genutzt werden. Daher einigten sich die Verantwortlichen darauf, For Forest in Klagenfurt tatsächlich umzusetzen.

Widerstand für Wald

Widerstand formierte sich auch aus den Reihen der Fußballfans. Diesmal sind es die Fans des RZ Pellets WAC, Kärntens einzigem Bundesligaklub aus Wolfsberg. Dieser war vor einigen Jahren noch Abstiegskandidat, hat es in der heurigen Saison jedoch in die Gruppenphase der Europa League geschafft. Da deren Wolfsberger Stadion nicht Europa League-tauglich ist, muss der WAC mit seinen Heimspielen nach Graz ausweichen. Gerne hätten die Verantwortlichen und Fans die Heimspiele im Klagenfurter Wörthersee Stadion verfolgt und forderten eine Verschiebung des Wald-Projekts. 

Dazu Littmann: „Ich gönne dem WAC den fußballerischen Erfolg. Wir haben unterschriebene Verträge und Planungsarbeiten, die schon seit sechs Jahren im Laufen sind, da lässt sich ein Kunstprojekt dieses internationalen Formats nicht kurzfristig verschieben.“ Auf Fragen, wer für das Projekt „For Forest“ finanziell aufkomme, ob und in welcher Höhe der Steuerzahler davon betroffen sei, kontert Littmann: „Die Stadt Klagenfurt stellt mir das Stadion für zwei Monate gebührenfrei zur Verfügung, ich verwende keinen Cent Steuergeld, sondern werde nach Ende des Projekts auch einen neuen Rasen zur Verfügung stellen, da dieser ohnehin getauscht werden muss.“ 

Rund zwei Mio. Euro kostet Littmanns Vorhaben, alles finanziert von privaten Sponsoren und Förderern sowie Projektpartnern und Baumpaten. Eine Baumpatenschaft gibt es um 5.000 Euro, sie erhalten mit einer Baumpatenschaft ein von Klaus Littmann handkoloriertes Exemplar von Max Peintners Zeichnung „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ (1970/71), d. h., ein Unikat in Serie. Diese sind auf 299 Stück limitiert und von Max Peintner und Klaus Littmann signiert. 

Der Wald kann auch nach Projektende bewundert werden, denn die Bäume siedeln dann endgültig in die Nähe des Klagenfurter Fußballstadions. „Auf ein Areal in der Nähe werden wir den Wald dann tatsächlich verpflanzen, dieser bleibt für die Klagenfurter Bevölkerung nachhaltig und frei zugänglich. Somit wird die Kunst wieder selbst Teil der Natur“, freut sich Littmann.

Projektdaten

Ort: Klagenfurter Wörthersee Stadion 

Der Fußballrasen ist zur Gänze von insgesamt 299 Bäumen überschirmt.

Initiator ist der Schweizer Klaus Littmann, basierend auf einer Schwarz-WeißZeichnung von Max Peintner.

Verwendete Bäume: Hängebirke, herzblättrige Erle, Zitterpappel, Silberlinde, Spitz-, Berg- und Feldahorn, Esche, Rotbuche, Stieleiche, Lärche, Silberweide, Hainbuche, Weißtanne, Schwarz- und Waldföhre

Das Kunstprojekt „For Forest“ ist noch bis 31. Oktober 2019 erlebbar.

Öffnungszeiten: täglich zwischen 10 und 22 Uhr bei freiem Eintritt