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Wildeinflussmonitoring neu

Ein Artikel von Dr. Heimo Schodterer, BFW | 29.08.2019 - 15:45

KURZ GEFASST

> Der Wildeinfluss wird als durchschnittliche Kennzahl mit ihrer Veränderung pro
Bezirk dar­gestellt und diskutiert.

> Für die Zukunft ist die Auswertung des WEM nach Zusammensetzung, Höhenentwicklung und Verbiss der Baumarten jedoch wesentlich aussagekräftiger.

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Abb. 2 (oben): Wer an den Auswirkungen des mehrjährigen Verbisses zweifelt: Ein Zaun bringt immer Klarheit. © H. Schodterer, BFW

Mit der neuen Methode werden baumarten- und stammzahlreiche Flächen (vor allem in der Buchenwaldstufe) oftmals besser bewertet als mit der alten. Baumarten- und stammzahlarme Flächen können aufgrund des mehrfachen Leittriebverbisses aber auch schlechter eingestuft werden als zuvor.
Die Änderung von Aufnahme- und Auswertemethode bedeutet eine Neubewertung, eine neue Einstufung des Wildeinflusses. Die Veränderungen in den Ergebnissen, die sich daraus ergeben, überlagern die tatsächlichen Veränderungen. Diese Überlagerung wurde für den Periodenvergleich weitgehend rechnerisch bereinigt. In stammzahlreichen wüchsigen Jugendflächen – vor allem im Laubwald – ist das allerdings nicht vollständig gelungen. Beide Ergebnisse ­werden dargestellt und machen den ­„Methodensprung“ sichtbar.

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Abb. 1: Mittlere Baumartenanteile und Höhenklassen (Abschlussflächen Kärnten): Abschlussflächen sind jene Flächen, die nicht mehr weiter beobachtet werden, weil mehr als die Hälfte der Pflanzen bereits über 2 m hoch sind. © H. Schodterer, BFW

WEM 2016-18: Ergebnisse
Der Wildeinfluss (WE) auf der einzelnen Erhebungsfläche wird, wie folgt, bewertet: 1– kein oder geringer WE, 2 – mittlerer WE, 3 – starker WE. Der Wildeinfluss im Bezirk wird zum einen als Kennzahl, nämlich als durchschnittliche Bewertung aller Flächen eines Bezirkes, zum anderen durch die Gegenüberstellung der einzelnen Baumarten und ihrer unterschiedlichen Verbissbelastung dargestellt.
Die durchschnittliche Kennzahl des Bezirkes, veranschaulicht anhand einer Österreichkarte oder tabellarisch, ermöglicht einen raschen Vergleich der einzelnen Perioden und gibt Auskunft über das mittlere Niveau des WE (in der Mehrzahl der Bezirke zwischen 2 und 3) und seiner Entwicklung. So ergibt sich in etwa zwei ­Dritteln der Bezirke eine Verbesserung und in einem Viertel der Bezirke eine Verschlechterung der durchschnittlichen Situation im Vergleich zur Periode 4. (Die durchschnittliche Verbesserung in einem Bezirk kann aber auch eine Verschlechterung nicht ganz der Hälfte aller anderen Punkte bedeuten.)
Die Auswertung von Zusammensetzung, Höhenentwicklung und Verbiss der Baumarten ist meines Erachtens aber wesentlich aussagekräftiger. Es kann ja ein mittlerer Wildeinfluss, etwa in einem langsamwüchsigen stammzahlarmen Hochlagenbestand, wesentlich gravierendere Auswirkungen auf die Baumartenzusammensetzung haben als ein starker Wildeinfluss in einem stammzahl- und artenreichen Auwaldbestand. Außerdem: Je mehr die verbissbeliebten Baumarten weniger werden, desto besser das rechnerische Ergebnis (sh. Abb. 1). Während in der ersten Höhenklasse (10-30 cm) auch Tanne, Kiefer, Esche und Ahorn noch vorhanden sind, bleiben am Ende der Verjüngungsphase (über 2 m) hauptsächlich Fichte und Buche übrig. Im Hinblick auf zukünftig vermehrt zu erwartende Trockenzeiten und Sturmereignisse ist das die verkehrte Entwicklung. Diese schleichende Verarmung unserer Waldbestände an Baumarten ist im Prinzip in allen Bundesländern zu ­beobachten.

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Abb. 3: Die gesamte Stammzahl der Baumart in den Höhenklassen ist durch die grauen Türme (beziehen sich auf die Skala rechts) dargestellt. Diese erlauben einen Vergleich mit den Baumarten­abbildungen aus den Vorperioden. © H. Schodterer, BFW

Die Verteilung der Oberhöhenbäumchen (die 5 höchsten jeder Art) in den Höhenklassen gibt sehr gut darüber Auskunft, ob die Baumart ungestört aufwachsen kann oder in den unteren Höhenklassen „festsitzt“ (sh. Abb. 3). Vor allem der Anteil der mehrfach verbissenen Pflanzen gibt darüber Auskunft, ob Verbiss als Hauptursache dafür angesehen werden kann. Überwiegen die unverbissenen Pflanzen, so sind ungünstige Lichtverhältnisse oder waldbauliche Versäumnisse als Ursachen wahrscheinlicher.
Auch im Bezirk Reutte sieht man über 2 m unverbissen hauptsächlich Fichte und etwas Buche und Lärche. In der ersten Höhenklasse ist das noch vorhandene Potenzial zum Aufbau stabiler („klimafitter“) Mischwaldbestände ersichtlich. Un-ter den derzeitigen Bedingungen werden sich diese aber wohl nicht entwickeln.

Höhenstruktur von Tanne und ­Eiche in den Bezirken Österreichs
Tanne kommt in 78, Eiche in 81 der 85 Bezirke Österreichs vor. Auf den WEM-
Flächen konnte Tanne bisher in 40, Eiche in 65 Bezirken nicht oder kaum in die oberen Höhenklassen über 1,3 m einwachsen. In diesen Bezirken ist zu erwarten, dass die beiden Baumarten im Laufe der weiteren Bestandesentwicklung durch zunehmende Überschattung nur selten in die Bestandesoberschicht einwachsen werden. Wo keine Samenbäume mehr nachwachsen, können sich die betreffenden Baumarten in Zukunft nicht mehr natürlich verjüngen. Wenn dies eintrifft, werden wir langfristig die Tanne in mehr als der Hälfte und die Eiche in drei Vierteln der Bezirke in ihrem Vorkommen verlieren.
Gerade die Baumarten Tanne und ­Eiche wären aber als Tiefwurzler in der Lage, die immer stärker von Sturm, Trockenheit oder Schädlingen betroffene Fichte und Buche zu ersetzen. Die Erhaltung artenreicher autochthoner Naturverjüngungen mit ihrem gesamten Baum­artenspektrum wird mit jedem Rekord-
sommer wichtiger. Außerdem: Werden wir in 60 Jahren noch so viel bauen wie heute? Oder wird dann nicht vielleicht Brennholz wertvoller sein?

Anwendbarkeit in der Praxis
Die WEM-Ergebnisse liefern einen Überblick über die durchschnittliche Situation in den Bezirken. Der Praktiker kann anhand der Bezirksauswertung beurteilen, ob der Zustand der Verjüngung im eigenen Forstrevier oder Jagdgebiet von ­diesem Durchschnitt positiv oder negativ abweicht und welche Baumarten über 1,3m oder über 2m Höhe noch mit ausreichendem Anteil vorhanden sind.

Dr. Heimo Schodterer arbeitet am Institut für Waldinventur im Bundesforschungszentrum für Wald, 1130 Wien
heimo.schodterer@bfw.gv.at