Bodenvermächtnis

Ein Artikel von Elisabeth Feichter | 01.10.2019 - 08:21

Als Beweis für gelungene Waldbewirtschaftung sieht Reinhold Steiner das erzielte Einkommen daraus. Der Bucherhof liegt im Pölstal, ist insgesamt 240 ha groß mit 211 ha Waldanteil. Unter dem Motto: „Ökologische Waldbewirtschaftung – ökonomisch betrachtet“, stellte der 53-jährige Steirer seine Auffassung von Waldbewirtschaftung als dem wichtigsten Einkommenszweig vor. Der Betrieb lukriert neben der Forstwirtschaft noch Einkommen aus der Mutterkuhhaltung, einem kleinen Wasserkraftwerk und seine Frau, Ingrid Steiner, ist auch erwerbstätig.

Die Waldböden des Bucherhofes fußen hauptsächlich auf Urgestein und sind von Braunerde geprägt. Geografisch fällt das Gebiet in den Zentralalpen-Hauptkamm. Am Bergrücken befindet sich teils aufgeschwommener Kalk. Zwischen 930 und 1.460 m Seehöhe liegt der besuchte Forst. 

Als der Betrieb noch von den Eltern geführt wurde, lag der Hiebsatz bei 1,9 Efm/ha, heute betrage er 10 Efm/ha, schickte Dr. Eckart Senitza, Pro Silva Austria, voraus. Am ersten Exkursionspunkt angelangt, zeigte Steiner für eine bevorstehende Durchforstung vorbereitete Seiltrassen. „Für die Einzelstammnutzung braucht es fixe Seillinien“, so der Waldbauer. Während der Seiltrassenanlage werden zusätzlich 2 m rechts und links unerwünschte Stämme mit der Motorsäge aus der Naturverjüngung geschnitten. Die Trassenabstände werden mit 30 m gewählt. Eigentlich könnte dort ein Harvester auch fahren, doch kommen diese Maschinen nicht in Steiners Wald. Er ist überzeugt, dass eine bodenschonende Bringung, langfristig betrachtet, rentabler sei. Um von den Frächtern unabhängig zu sein, stehe für die Holzabfuhr ein hofeigener Holz-Lkw bereit. 

Zielstärke 80 cm BHD

„In meinen Beständen zählt eine Zielstärke und die lautet, 80 cm Brusthöhendurchmesser (BHD), diese sind noch bringbar“, verlautbarte Steiner schmunzelnd. Die meisten Stämme haben jedoch weniger als 60 cm BHD. Die Säge, die er beliefert, kenne zum Glück noch keine Starkholzabschläge. Bei der Durchforstung werde darauf geachtet, dass Z-Bäume genügend Licht bekommen. Potenzielle Z-Bäume werden auch geastet. „Momentan wächst der Wald so rasch, dass ich nicht nachkomme“, verkündet der Steirer freudig. 

Auf seinem Tablet kann er Holzvorräte und seinen Waldwirtschaftsplan jederzeit abrufen oder ändern. Demnächst soll der Hiebsatz ein weiteres Mal nach obenhin korrigiert werden. Für jagdliche Fragen vertröstete Steiner auf die Mittagspause, denn das war sein Reizthema. Beim Anblick verfegter Lärchen wünsche sich der Waldbesitzer manchmal genetisch geweihlose Rehböcke. Sein Jagdpächter müsse für die Jagd nichts bezahlen, solle jedoch über ausreichend Munition verfügen. 

Schutz vor Wildeinfluss

Eine der beliebtesten Baumarten in der Aufforstung sei die Lärche. Sie ist nach Steiners Meinung klimafit und hat derzeit noch keine bedrohenden Schadinsekten. Obwohl der Forstbetrieb von Kalamitäten bisher verschont geblieben ist, habe der Waldbesitzer in Tieflagen Angst vor einem Borkenkäferproblem. An den aufgeforsteten Lärchen demonstrierte der motivierte Waldbewirtschafter seine Erfahrungen mit Fege- und Verbissschutz. „Wir können schießen was wir wollen, die Lärchen müssen trotzdem mit Müll, wie ich es gern nenne, geschützt werden“, so Steiner. Stachelbäume haben sich nicht bewährt, da müsste Steiner jedes Jahr zu jedem Baum gehen. Fegeschutzspiralen werden häufig vom Wild runtergefegt. Fegeschutzklemmen fallen mit dem Dickenwachstum runter. Steiner schützt die Lärchen mit Netzhüllen und befestigt sie an Akazienpflöcken im Abstand von 10x10 m, dazwischen kommen Fichten, Ahorne und Tannen. Zum Befestigen eignen sich Drilldrähte besser als Kabelbinder. Ob ein Baum als Z-Stamm taugt, überprüft Steiner nicht nur optisch mit einem Blick in die Krone, sondern klopft mit einer Axt an den Stamm. Wenn er hohl klingt, bekommt er eine Markierung am Stammfuß und wird bei nächster Gelegenheit entnommen. 

Maximale Bodenschonung

An einem weiteren Exkursionspunkt zeigte der raffinierte Waldbauer einen Seilkran im Einsatz, der in einer Maschinengemeinschaft mit zwei weiteren Waldbauern betrieben wird. „In diesem Wald war noch nie ein Harvester. Wir rücken am Seil im Sortimentverfahren und Astmaterial verbleibt im Wald. In der Seilgasse ist der Boden locker“, verdeutlichte Steiner die Arbeitsweise. Das Seilgerät ist mit einer speziellen Landebrücke für die Bringung im Sortimentverfahren optimiert.

1988 gründeten drei Waldbesitzer die Seilkrangemeinschaft und kauften einen K300. 2000 wurde dann in einen K301 (Zöggeler-Aufbau) investiert. In Prozent, nach Hektaren aufgeteilt, erfolgte die Anschaffung, der Diesel und alles weitere werden genauso aufgeteilt. Auch Fremdarbeiten werden gemacht und Verdienste in die Gemeinschaftskasse gegeben, hieß es. „Das Schöne an unserer Kooperation ist, dass wir alle vor Ort unsere Arbeit haben und uns gegenseitig helfen“, stellte Steiner fest. 

Zusätzlich zum Seilgerät besitzt der Waldbewirtschafter einen 6 Zylinder-Fendt-Traktor mit einer 8 t-Tigerwinde. Bei einem Trassenabstand von 50 m können mit der Winde 6-8 fm/h aus dem Bestand gebracht werden. „Enger möchte ich es aufgrund der Bodenverdichtung nicht machen“, begründete Steiner. Durchforstungen werden nach Möglichkeit nicht aufgeschoben, dafür könne das Altholz warten. 

Reizthema Jagd

Nach dem Mittagessen bei einer Jagdhütte im Revier ging Steiner auf jagdliche Fragen ein. Er fühle sich von der Jagdbehörde im Stich gelassen. Zu viel Rotwild werde in den angrenzenden Katastralgemeinden gezüchtet. Steiner zählte in den schlimmsten Jahren bis 400 geschälte Bäume. Alleine die Kontrolle koste ihm jedes Jahr 5.000€. „Müssen wir das als Grundbesitzer mitmachen?“, fragte Steiner in die Runde. Eine Diskussion über die Mariazeller Erklärung entfachte. Es sei offensichtlich schwer, diese zu vermitteln. „Das aktuelle Wildeinflussmonitoring (WEM) zeigte, dass es eigentlich keinen Fortschritt gab“, ließ Senitza wissen. Nach gescheiterten Versuchen bei der Jagdbehörde denkt Steiner laut über einen überregionalen „Waldschutzverein“ nach, um eine kleinräumige Lösung zustande zu bringen.

24 Ameisenhügel auf 1,6 ha

Während der gesamten Exkursion führte der Waldbesitzer die Gruppe quer durch seine Bestände und alle staunten über die unzähligen Ameisenhügel. Als das Thema der Bodenverdichtung anstand, löste sich das Rätsel. Steiner glaubt, dass er so viele Waldameisen (Formica rufa) habe, weil es kaum Bodenverdichtung in den Beständen gebe. Sein Ameisen-Monitoring im Rahmen von: „Wir schauen auf unsere Wälder“, belege, dass er auf 1,6 ha 24 Hügel habe. Deren Entwicklung werde gemessen und dokumentiert. 500.000 Individuen leben in einem großen Ameisenhaufen, sie fressen auch Insekten, wie Borkenkäfer, stellte Steiner klar. Er erinnerte auch an die wichtigste Lebensgemeinschaft zwischen Baumwurzeln und Mykorrhizapilzen, sie können mehrere Hektar groß sein und helfen der Naturverjüngung. Mykorrhizapilze können von großen Bäumen den Zucker aufnehmen und ihn auf kleine übertragen. Bei einem Kahlschlag fehle dem Pilz die Nahrung und ein Kreislauf sei unterbrochen, hieß es.

Gescheitertes Experiment

Bodenverdichtung ist nach Steiners Beobachtungen schlimmer als Nährstoffentzug. In einer Trasse versuchte der Waldbesitzer, den Boden für eine Lärchen-Naturverjüngung zu verwunden. Leider ging der Humus mit hinaus und durch das Befahren mit dem Traktor wurde der Boden verdichtet, es verjüngte sich nur die Fichte. Das Experiment scheiterte. Eine andere Waldfläche, die in den 80er-Jahren mit dem Traktor befahren wurde, zeige heute noch Verdichtungsfolgen. „Bodenverdichtung vermeiden und die Äste liegen lassen, wo der Baum hinfällt. Gepaart mit einem intakten Windmantel, hat man beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Naturverjüngung“, gab Steiner seine Erkenntnisse abschließend allen mit auf den Weg.