Firstfeier und Brautboschen

Ein Artikel von Walter Mooslechner | 17.06.2019 - 08:42
Holzhandwerk_Brautfuder.jpeg

Die letzte Fuhre Holz mit dem „Brautfuder“ © Walter Mooslechner

Die Errichtung eines Dachstuhles oder Gebäudes galt in früherer Zeit als eine äußerst schwierige und gefährliche Tätigkeit. Die Arbeiten mussten von Hand und mit einfachen Werkzeugen vonstattengehen. Eine wichtige Bedeutung kam dem Firstbaum zu. Allgemein versteht man unter „Firstbaum“ das horizontal höchstliegende Langholz am Dachstuhl. Nach altem Volksglauben ist der First ein geweihter Baum, der auf das Haus eine besondere Schutzfunktion ausübt, denn die Furcht vor Stürmen, Feuer, Hochwasser, Blitz- und Hagelschlag, aber auch vor Dämonen, Hexen und Geistern war bei unseren Vorfahren noch überaus groß. Um solchen Gefahren entgegenzuwirken, brachten Zimmerleute an der sichtbaren Vorderseite der Firstpfette oft verschiedene Schutz- und Abwehrzeichen an. Auch Namenszeichen, Hausmarken, Fruchtbarkeitsmotive und Jahreszahlen wurden eingekerbt. 

Feuchtfröhliche Firstfeiern

Holzhandwerk_Baumchen.jpeg

© Walter Mooslechner

Den Abschluss des Dachstuhlsetzens bildete eine feuchtfröhliche Firstfeier. Dieser Brauch lässt sich bis ins 14. Jahrhundert nachweisen. Der ebenfalls geläufige Name „Richtfest“ leitet sich von den Ausdrücken „aufrichten“ und „errichten“ ab. Die Firstfeiern verliefen je nach Gegend unterschiedlich und begannen mancherorts schon beim Abbinden des Dachstuhles. Mitunter war es einst Brauch, den Firstbaum am Vortag durch eine Burschenschaft zu stehlen und in der Nachbarschaft zu verstecken.

Auch heute noch bringen Zimmerlaute nach der Fertigstellung eines Rohbaus oder Dachstuhls am First ein mit bunten Bändern, den Firstboschen, an. In manchen Regionen ersetzt ein Richtkranz oder eine Richtkrone das Firstbäumchen. Am Firstbaum befand sich einst auch oft ein weithin sichtbarer Glockenturm. Er diente als Kommunikationsmittel und übte eine Schutzfunktion für das Haus aus. In den abgelegenen Gebirgstälern gab es aber natürlich auch Bergbauern, die unter schwierigsten Bedingungen ihr Auskommen finden mussten, nur das Notwendigste zum Leben war vorhanden. Verspielte Details und reiche Verzierungen an Holzteilen waren hier entsprechend selten anzutreffen. So war auch der Glockenturm aus einfachem, gabelartigem Astholz. Hermann Stöck aus dem Raurisertal im Pinzgau fertigt als gelernter Zimmermann seit langer Zeit detailreiche Glockentürme. Meist werden die zierlichen Türmchen mit handgefertigten kleinen Dachschindeln mühevoll eingedeckt. Die schmucken Glockentürme sind heute zu Dekorationszwecken wieder sehr gefragt. 

Das letzte Blochfuder

Ein weiterer Brauch geht auf das Holzziehen zurück. Noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde der Großteil des geschlägerten Holzes in den Wintermonaten mit dem Ziehschlitten zu Tal gebracht. Heute gehört das Holzziehen, das einst für viele Holzknechte und Bauern eine wichtige Einnahmequelle war, der Vergangenheit an. Bis zum Schluss hat sich in manchen Gegenden allerdings der einzigartige Brauch des „Brautziehens“ erhalten: Wenn die schwere und gefährliche Arbeit des Holzziehens zu Ende ging, führte man zum Abschluss der Partie das allerletzt Blochfuder – also die letzte Fuhre mit den zugeschnittenen Stammteilen – mit dem „Brautbloch“ feierlich zu Tal. An dieses Bloch wurde am vorderen Ende ein mit bunten Papierbändern geschmückter „Brautboschen“ (Fichtenbäumchen) genagelt. 

Nach Auskunft alter Holzarbeiter war es üblich, als Brautbloch das stärkste Bloch am Schlag, ins Tal zu bringen. Zum Schluss wurde allerdings auch das „Fürlegerholz“ mit dem der Ziehweg gesichert war, entfernt, sodass die letzten „Fürleger“ mitunter das Brautfuder bildeten. 

Man kann sich vorstellen, wie sehr sich die gesamte Zieherpartie auf diesen lustigen Tag zum Abschluss freute. Beim Brautziehen herrschte ausgelassene Stimmung, es gab reichlich Speck und Brot, was damals nicht alltäglich war, und natürlich durfte der selbst gebrannte Schnaps nicht fehlen, der immer wieder in die Runde gereicht wurde. Oft spielte ein Musikant mit seiner „Steirischen“ (diatonische Harmonika) auf, aus den rauen Kehlen der Holzknechte erklangen alte Jodler und Volkslieder. Vielfach gab es in Anwesenheit des Forstmeisters und der Förster auch noch einen gemütlichen gemeinsamen Abstecher zum Dorfwirtshaus.

Aus dem Buch: Holzhandwerk

Autor: Walter Mooslechner

Der Naturstoff Holz ist seit der Frühzeit auf das Engste mit der Menschengeschichte verbunden. Das flexible und zugleich starke Material findet auch heute in zahlreichen Lebensbereichen Gebrauch. Der Forstexperte Walter Mooslechner gibt Einblicke in traditionelles Handwerk, Brauchtum, Lebenswelt und Kunst - rund um das Thema Holz.