Bauen mit Holz

Den Bestand spüren

Ein Artikel von Kathrin Lanz | 09.12.2018 - 08:23

Vergleichbar mit Paul Cézannes Provence und Egon Schieles Krumau präsentiert sich der Attersee als einzigartige Wirkungsstätte von Gustav Klimt. Der weltberühmte Maler verbrachte die Sommermonate zwischen 1900 und 1916 regelmäßig in dieser Region. Damals entstand der überwiegende Teil seiner bekannten Landschaftsgemälde. Unter anderem findet sich auch der Unteracher Kindergarten malerisch verewigt. Auch aufgrund dessen bestand seitens der Gemeinde Bemühen, den Bestandsbau aus dem Jahre 1898 in seinem Erscheinungsbild, aber ebenso in seiner Funktion zu erhalten. Seit 120 Jahren dient das alte Gebäude im Ortskern nämlich ein und demselben Zweck – es ist ein Kindergarten. Viele Unteracher verbinden deshalb Emotionen mit dem Bau. Somit war das Inte-resse an dessen Wahrung im Ort noch einmal größer. 

Wesentliche Bestandsmerkmale erhalten

Dieser Verantwortung um den geschichtlichen Hintergrund waren sich die Architekten bewusst. „Gerade diese Tatsachen bestimmten unseren Umgang mit dem Objekt“, erklärt Jürgen Wirnsberger, der mit seiner Büropartnerin, Sonja Hohengasser, und seinem ehemaligen Studienkollegen, dem Salzburger Architekten Erhard Steiner, das Projekt entwarf. Das Spittaler Duo Hohengasser/Wirnsberger erlangte unter anderem durch die Schaukäserei Kaslab’n in Radenthein Bekanntheit – nicht nur in der Holzbauszene. Dafür erhielten die Kärntner Architekten den Landesbaupreis, den zweiten Preis bei Constructive Alps sowie den Holzbaupreis in Kärnten. Im Holzbau erfahren – „sehr oft ist Holz die richtige Antwort“ –, stellte das Bauen im Bestand dennoch eine Herausforderung dar. „Zum Beispiel hätten wir das komplette Stiegenhaus herausreißen müssen, wären uns die oberösterreichischen Behörden nicht entgegengekommen.“ Dessen Steigung entsprach nämlich nicht den Anforderungen an eine öffentliche Nutzung, wie einen Kindergarten. „Ebenso hätten wir das Gebäude nicht ohne Vollwärmeschutz ausführen können, hätte es kein Einsehen gegeben.“ Nur so war es möglich, die Fassade wieder in den Ursprungszustand zu versetzten, indem man die nachträglich aufgebrachten Eternitplatten entfernte. Im Planungsprozess mit Behörden und Bauherren konnte durch gemeinsame Anstrengungen erreicht werden, die wesentlichen Bestandsmerkmale zu erhalten und unnötige strukturelle Maßnahmen zu vermeiden.

Alle Funktionen innerhalb der Kubatur

Nicht nur außen, auch im Inneren des dreistöckigen Gebäudes wurde auf höchste Qualität gesetzt. Eichenparkett in den Untergeschossen, Vertäfelungen und Türen aus massiver Tanne und massive Lärchenfenster, weiß geölt, verleihen dem Bau das hochwertige Erscheinungsbild. Das Gebäude wurde einer kompletten Neustrukturierung unterzogen. Im Erdgeschoss befinden sich nun der Krabbelgruppenbereich sowie Mitarbeiterräumlichkeiten und Garderoben. Im ersten Obergeschoss sind die beiden Gruppenräume sowie Toilettenanlagen untergebracht. Den beiden mit viel Holz sanierten gemauerten Geschossen setzt der ausgebaute Dachboden dann die Krone auf. Der Ausbau war notwendig, um dem erhöhten Platzbedarf innerhalb der Kubatur entgegenzukommen. Ganz oben finden der Mehrzweckraum, der Bewegungs- und Ruheraum sowie eine überdeckte Terrasse mit Hängematte Platz.

Keine Dachflächenfenster oder Gauben

„Es war eine Riesenherausforderung, sowohl planerisch als auch statisch, mit den unterdimensionierten Sparren und Pfetten umzugehen“, erzählt Erhard Steiner. „Es war uns wichtig, nicht den einfachen Weg des Abtragens zu gehen“, betont Hohengasser. Die Zimmerei Ebner Bau aus Mondsee musste deshalb die gesamte alte Tragstruktur bürsten, bevor die eigentlichen Holzbauarbeiten beginnen konnten. Das helle Tannenholz, das für den gesamten Dachausbau verwendet wurde, bildet einen Kontrast zum dunklen Holz des Bestands. Um die ruhige Dachfläche seeseitig nicht zu unterbrechen, wurde auf Fenster oder Gauben verzichtet. Stattdessen öffneten die Architekten die holzverschlagenen Giebelflächen des Bestandes und kreierten einen Holzlamellenfilter, welcher das Tageslicht weit in den Innenraum holt. Der lichtdurchflutete Großraum ist lediglich durch Holzglaswände in drei Bereiche zoniert und lässt den kompletten Dachraum spürbar bleiben. 

Regionale Wertschöpfung vorgesehen

Für die Handwerksarbeiten haben sich durchwegs Betriebe aus der Region durchsetzen können. Viele der am Bau tätigen Handwerker engagieren sich zudem in der Gemeinde oder Pfarre. Einige besuchten früher selbst diesen Kindergarten. „Deshalb handelte es sich um einen sehr engen Bauprozess, wo vonseiten der Beteiligten viel Herzblut einfloss“, erinnert sich Steiner und ist sich sicher: „Wäre diese Identifikation mit dem Gebäude nicht gegeben gewesen wäre, hätte man es vermutlich schon vor Jahren abgerissen.“ Eigentümer des Gebäudes ist die Pfarre Unterach, die besonders auf den Einsatz nachhaltiger Materialien bedacht war. Gemeinsam mit der Gemeinde, die in der Rolle der Bauherrschaft trat, verhinderte man, dass der Kindergarten auf die grüne Wiese wanderte. „Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Jeder, der den Kindergarten einmal besichtigt hat, wird sich meiner Meinung anschließen, dass Unterach einen der schönsten, wenn nicht den schönsten Kindergarten hat“, konstatiert Bürgermeister Georg Baumann. Ein Resümee, das vonseiten der Bauherrschaft wohl nicht positiver ausfallen könnte.