Die Wälder der Bürger und ihre Bewahrer

Ein Artikel von Barbara Schuss | 27.02.2020 - 14:21

Der Wienerwald wurde 2006 zum Biosphärenpark Wienerwald erklärt und hat eine Fläche von rund 135.000 Hektar. Etwa 90 Prozent des Wienerwaldes liegen in Niederösterreich, 10 Prozent in Wien. Der Wiener Teil des Biosphärenparks umfasst 9957 ha und erstreckt sich über bestehende Natur- und Landschaftsschutzgebiete sowie besiedelte Gebiete in sieben Bezirken (13., 14., 16., 17., 18., 19. und 23. Bezirk). Im Gegensatz zum Nationalpark ist in einem von der UNESCO definierten Biosphärenpark die wirtschaftliche Nutzung des Waldes nicht ausgeschlossen. Außerhalb der Kernzone ist eine ressourcenschonende und nachhaltige Nutzung erlaubt. Wien wurde 2019 zum 10. Mal in Folge zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt. Die große grüne Lunge trägt wesentlich zur Lebensqualität und Stadtklimaverbesserung bei. Gäbe es keinen Wald, wäre die Temperatur im Jahresmittel um 2° C höher. Der Unterschied zwischen den innerstädtischen Zonen und dem Wienerwald liegt bei den Nachtwerten in den Sommermonaten sogar um 10° C. Eine zentrale Aufgabe der MA 49 ist die Erhaltung der stadtnahen Erholungswälder. Die Errichtung und Pflege von Wanderwegen, Waldspielplätzen, Lehrpfaden, Informationseinrichtungen und Aussichtswarten fallen ebenfalls in den Kompetenzbereich des Forstbetriebs der Stadt Wien. Im Bereich der Umweltbildung ist die MA 49 österreichweit führend. Der Waldbauer durfte den engagierten Wienerwald-Förstern über die Schulter schauen und sie bei ihrer täglichen Arbeit begleiten.

Europaschutzgebiet Lainzer Tiergarten

Seit Juni 2011 ist DI Hannes Lutterschmied Leiter der Forstverwaltung Wienerwald, die den gesamten Anteil der Stadt Wien am Wienerwald umfasst. Die Aufgaben des studierten Forstwirtes sind, die hohen Anforderungen an den Wienerwald zu erfüllen und die vielen Nutzungsinteressen bestmöglich auszugleichen. Untergebracht ist die Forstverwaltung im Lainzer Tiergarten, einem Naturschutzgebiet im Westen der Stadt mit einer Größe von 2450 ha, davon sind 1945 ha Wald. Charakteristisch sind die imposanten Eichen- und Buchenwälder. Hier stand nicht die Holznutzung im Vordergrund, sondern der Wildbestand und die Jagd. Daher ist der Waldbestand teilweise über 400 Jahre alt. Der Zerreichenwald ist eine Besonderheit des Lainzer Tiergartens. Die Zerreiche war früher sehr beliebt, da ihre großen Eicheln ein hervorragendes Wildfutter sind. Heute werden diese Wälder bewusst geschützt und gepflegt. 

Dauerwald ist Waldbau der Gelassenheit. mit der Zeit entsteht ein urwaldähnlicher Charakter, der eine höhere Vielfalt aufweist, stabiler gegen Umwelteinflüsse und ästhetisch wertvoll ist.

DI Hannes Lutterschmied, Leiter der Forstverwaltung Wienerwald

Wohlfahrtswirkung durch Dauerwaldbewirtschaftung

2015 wurde im Lainzer Tiergarten neben einem tierschutzgerechten und ökologischen Wildtiermanagement auch eine nachhaltige Form der Waldbewirtschaftung, die Dauerwaldbewirtschaftung, eingeführt. Sie gilt als naturverträglichste Art, Holz zu gewinnen. Dabei wird durch gezielte Entnahme und Nutzung von Einzelstämmen oder kleinen Baumgruppen nur starkes, wertvolles Holz genutzt, ohne durch flächige Baumfällungen die wichtigste Eigenschaft von Wäldern, die Schaffung ihres eigenen Kleinklimas, zu stören. Dauerwälder zeichnen sich durch große Strukturvielfalt und Stabilität aus. Die ständige Produktion und Förderung von Baumnachwuchs durch die Einzelstammentnahme schaffen ein kleinflächiges Mosaik, in dem Bäume aller Altersstufen und Dimensionen auf kleinem Raum nebeneinander heranwachsen. Es entsteht dadurch ein urwaldähnlicher Charakter, der nicht nur eine höhere Vielfalt aufweist und stabiler gegen Umwelteinflüsse, sondern auch ästhetisch wertvoll ist. Dieser „Wohlfühlraum“ kann aber in jahrhundertelang anders bewirtschafteten Wäldern nicht von heute auf morgen entstehen. Der Umbau von gleichförmigen Beständen dauert mindestens eine Baumgeneration.

Gezielter Waldbau fördert Diversität

Um den Urwaldcharakter zu verstärken, wird bewusst eine Anzahl an Bäumen, die nicht genutzt werden dürfen, dauerhaft markiert. Diese bilden das für die Artenvielfalt wichtige Totholz der Zukunft. Es ist nicht nur Lebensraum sehr vieler bedrohter Arten, sondern auch eine wichtige Nährstoffquelle für zukünftige Baumgenerationen. Bei der Dauerwaldbewirtschaftung kann die für die Stabilität der Wälder wichtige Mischung verschiedenster heimischer, standortgerechter Baumarten gut gesteuert werden. Eine vollkommene Außernutzungstellung würde die Wälder des Wienerwaldes großteils in Richtung Rotbuchenreinbestände entwickeln. Die sehr lichtbedürftigen Eichenarten würden mit der Zeit durch die rascher wachsenden Rotbuchen ausgedunkelt. Und mit den Eichen würden viele weitere Arten verschwinden, da viel mehr Arten in unseren Wäldern an und von Eichen als von Buchen leben. Mit gezielten Eingriffen können die für Eichen notwendigen Wuchsbedingungen langfristig gesichert werden.

Vom Leopoldsberg bis Neuwaldegg

In Sievering, einem beschaulichen Teil des 19. Bezirks, steht mitten im Wald ein idyllisches Forsthaus der Stadt Wien. Hüter des 1000 ha großen Reviers, das sich über die berühmten Heurigenorte Kahlenbergerdorf, Nussdorf, Grinzing, Sievering, Neustift und Neuwaldegg erstreckt, ist Ing. Günther Lauscher. Schon sein Vater war Förster bei der MA 49 und er wuchs im Lainzer Tiergarten auf. Er leitet die Geschicke des ihm anvertrauten Wienerwald-Reviers mit viel Erfahrung, Fachwissen, Herzblut und Engagement. 

Mit dem System Dauerwald haben wir kein Zeitproblem mehr. Die Zielstärkennutzung ist genauso wirtschaftlich wie der Altersklassenwald.

Ing. Günther Lauscher, Revierleiter Sievering – Neuwaldegg

Nachhaltige Holzwirtschaft erlaubt

Im gesamten Betrieb wird auf Naturverjüngung gesetzt. „Wir haben das Glück, hier ausschließlich autochthone Baumarten zu haben.“ Hauptbaumarten sind Rotbuche, Weißeiche (Stiel- und Traubeneiche) und Zerreiche. In dem Laubholzbetrieb ist der Winter die Zeit der Holzernte. Gearbeitet wird mit eigenen Forstarbeitern und Firmen, die schon jahrelang mit den Anforderungen der MA 49 vertraut sind. Bestandes- und Bodenschonung, Arbeitssicherheit und der Einsatz von kleinen, wendigen Maschinen sind die Voraussetzungen für eine verlässliche Zusammenarbeit. Der Betrieb selbst arbeitet vorwiegend mit Traktoren mit Rückewagen, da diese ganzjährig auch für andere Zwecke, wie dem Mähen, Mulchen und Reparatur von Infrastruktur, verwendet werden. Auf steileren Flächen kommen die Forwarder der Stammfirmen zum Einsatz. Die Maschinen dürfen sich ausschließlich auf den vorher fix ausgezeigten Rückegassen bewegen. Diese werden im Abstand von 20 m bei der Erstdurchforstung, danach mit 40 m angelegt. Somit wird der Boden nur auf ca. 10 % der Fläche beansprucht. Auf besonders sensiblen Flächen werden auch Pferde eingesetzt, da die Eingriffe sehr bestandes- und bodenschonend vorgenommen werden können. Zu bedenken ist, dass bei der Pferderückung die Holzerntekosten doppelt so teuer sind wie mit dem Traktor. Dennoch ist der Einsatz von Pferden, auf lange Sicht gesehen, rentabel, da die Bodenverdichtung, die Schäden am Bestand und der Flächenverlust viel geringer ausfallen. Die Sparte Waldbau bilanziert positiv im Forstbetrieb Wienerwald, das Gesamtergebnis ist jedoch negativ, weil Leistungen erbracht werden müssen, die Forstbetriebe normalerweise nicht zu ihren Aufgabengebieten zählen. Darunter fallen die gesamte Wegsicherung und -erhaltung sowie die Erhaltung der Besucherinfrastruktur, wie das Entleeren von Mistkübeln, die Kontrolle und Wartung von Sitzbänken, Schautafeln, Lehrpfaden, Rast- und Spielplätzen.

Hier entsteht ein klimafitter Wald

Bei der Begehung eines ca. 30 ha großen Bestandes, der direkt an das Siedlungsgebiet des 17. und 18. Bezirks angrenzt, erläutert Günther Lauscher die Umwandlung in ein Dauerwaldsystem: „Ziel ist die Mehrstufigkeit des Bestandes. Alle Altersklassen sollen nebeneinander vorhanden sein. Der Eichenwaldbestand ist zwischen 100 und 160 Jahren alt. Er ist sehr einschichtig, kein Licht fällt auf den Boden. Die Erstmaßnahme ist die einmalige Anlage der Rückegassen in der Falllinie, die auch gemulcht werden, damit sie dauerhaft befahrbar bleiben.“ Strukturdurchforstungen fördern die großkronigen Bäume, indem schwache Bäume und Bedränger entfernt werden. Das Ziel ist, starke Individuen zu fördern. Dafür wählt man alle 8-12 m geeignete Exemplare aus, bis sie eine Hiebsreife von ca. 65 BHD bei Rotbuche und 70-80 BHD bei Weißeiche erreicht haben. Dort, wo sich ein Loch im Kronendach auftut und Licht auf den Waldboden fällt, stellt sich sofort Verjüngung ein. In der Zwischenzeit sind hier viele Jungbäume in den Startlöchern und auch die Mittelklasse hat sich schon etabliert. So soll langfristig ein struktur- und artenreicher Wald mit heimischen Baumarten entstehen, in dem auch seltene Sorbusarten (Elsbeere, Mehlbeere, Vogelbeere und Speierling) sowie Linden, Ahorn, Vogelkirsche und Birken gefördert werden. Auf den Flächen werden auch Naturschutzbäume, sogenannte Gerüst- und Strukturbäume, besonders gefördert. Der Richtwert liegt bei fünf Bäumen je Hektar. Diese werden so lang belassen, bis sie zerfallen, und dienen vielen geschützten Arten als Brut- und Lebensraum. Naturschutztauglich sind sie dann, wenn sie im Zuge der Wegesicherung keine Gefahr für Mensch und Infrastruktur darstellen. 

Kein forstliches Sperrgebiet

Das Verständnis und die Toleranz für Erholungssuchende – seien es Familien mit Kleinkindern, Hundebesitzer, Radfahrer oder Grillende – sind sehr groß. Der Königsweg ist hier die Besucherlenkung. Für jedes Bedürfnis wird genügend Platz und die passende Nische geschaffen. Viel Zeit und Mühe wird für die Aufklärung und Information der Waldbesucher aufgewandt. Bei Anrainerbeschwerden nimmt sich der Revierleiter Zeit, um bei einer Begehung der Fläche, die unterschiedlichen Eingriffe dem Laien genau zu erklären. Wenn gearbeitet wird, sind die Forstarbeiter speziell darauf geschult, auf Fragen und Einwände der Passanten geduldig und verständlich einzugehen. Der Revierleiter selbst ist sich nie zu schade, Anfragen und Beschwerden persönlich oder telefonisch zu beantworten. Diese Art der Kommunikation und Information hat Qualität und wird sehr geschätzt.

Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien (MA 49)

Gesamtfläche: 44.000 ha

Stadtwälder (Wien): 8.500 ha
Forstverwaltung Wienerwald: 5140 ha
> davon Wald: 4200 ha
> Jahreseinschlag: 18.000 fm
Forstverwaltung Lobau: 2300 ha

Quellschutzwälder (NÖ, Stmk.): 33.000 ha

Landwirtschaftliche Flächen (Wien, NÖ): 2500 ha