Pech muss man haben

Ein Artikel von Elisabeth Feichter | 02.12.2019 - 14:45

Bereits Gaius Iulius Cäsar hatte eine Flotte aus mondgeschlägertem Holz, die mit Flachs und Lärchenharz abgedichtet war. Erste Aufzeichnungen über die Verwendung von Lärchenharz gehen auf den römischen Naturforscher „Plinius der Ältere“, zwischen 23 und 79 n. Chr. zurück, der in seiner „Naturgeschichte“ eine Hautsalbe mit Lärchenharz beschreibt. 

In der Literatur gibt es keine eindeutige Verwendung einzelner Begriffe im Zusammenhang mit der Lärchenharzgewinnung. Beispielsweise werden frische Harzflüsse oft als Terpentin, Lärchenbalsam auch Lörget oder Loriet bezeichnet und erst im getrockneten Zustand als Harz oder Pech. Wir machen jedoch hier keine Differenzierung. Alle von uns verwendeten Begriffe beschreiben das flüssige Harz, welches an stehenden, vitalen Lärchen durch Anstechen der Harztaschen gewonnen wird. 

Wir könnten doppelt so viel Harz gebrauchen.

Dipl.-Ing. Erwin N. Schusser, Laresin Kosmetik

Einzigartiges Handwerk

In Kärnten wurde die Lärchenharzgewinnung von Nikolaus Schusser (1887-1951) Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals gewerblich durchgeführt. Bestand hat die Firma bis heute. DER WALDBAUER führte mit dem Nachfolger DI Erwin N. Schusser (82 Jahre) ein Interview, war mit Lörget-Ziehern unterwegs und besuchte drei Waldbesitzer, die Harz liefern. Das Handwerk ist bei Schusser seit 100 Jahren in ununterbrochener Familientradition und seit Dezember 2018 von der Unesco als immaterielles Kulturerbe eingetragen.

Harzer sowie Waldbesitzer im Kärntner Gurk- und Metnitztal sind in die Lärchenharzgewinnung involviert. „Gut ein Dutzend Forstwirte sammeln in ihren eigenen Wäldern, im flächenmäßig weitaus größeren Ausmaß ernten jedoch Harzer der Firma Schusser diesen wertvollen Naturstoff“, erklärte Schusser, der es für die Kosmetiklinie „Laresin“ verwertet. In der Vergangenheit wurde das Harz auch für die Produktion von Naturfarben verwendet. Laut Schusser gibt es österreichweit nur zwei Firmen, die Lärchenharz sammeln. Heute noch ist die Verwendung von Lärchenharz vielfältig. Es fördert die Durchblutung, ist wundheilend, desinfizierend und schleimlösend. Gerne wird der Lärchenbalsam auch in der Kosmetik für Seifen, Cremen, Öle oder Bäder eingesetzt. 

Beurteilung geeigneter Lärchen

Für die Pharmazie und Kosmetik ist das Harz der Europäischen Lärche (Larix decidua) gut geeignet. Hingegen ist die Sibirische Lärche (Larix sibirica) laut Schusser aufgrund ihres wesentlich höheren Harzsäuregehalts für spezielle Einsatzzwecke nicht geeignet. Außerdem sei die Harzproduktion stark vom Boden abhängig. Kalkstandorte seien nicht so geeignet wie Urgestein-Untergründe, hieß es. An Alm-Standorten wird von „brantigen“ Lärchen gesprochen, diese haben fast kein Harz. Unter 800 m und über 1300 m Seehöhe nehme die Harzproduktion ab, sodass sich das Anbohren nicht mehr auszahle, erklärte ein erfahrener Lörget-Zieher. Für die Lärchenbalsamgewinnung kommen zudem nur Bäume in Betracht, bei denen der Holzkörper und das Wurzelsystem hinreichend durchwärmt werden (Diplomarbeit von Ursula Schnabl, 2001).

Das Harz muss fließen

Schusser bietet zwei Varianten an, um an den wertvollen Rohstoff zu kommen. Einerseits kooperiert er mit Firmen, die bei Waldbesitzern die Harznutzung durchführen. Andererseits gibt es Waldbauern, die ihre Lärchenbestände selbst beernten und das Harz vorfiltriert an Schusser liefern. Werkzeug dafür kann ausgeliehen werden. Zur Ausrüstung eines Lörget-Ziehers gehören: Holzbohrer (heute mit Motor), Hackenpicke, Lörget-Löffel sowie Harzkübel und Lärchenholz-Stoppel. Zwei Arbeitsgänge sind zu unterscheiden: Die Erschließung der Lärchen durch das Anbohren sowie die Harzernte selbst. Im Frühjahr oder Herbst werden geeignete Lärchen angebohrt. Erst ein bis mehrere Jahre später, zwischen Mai und September erfolgt die Harzernte. „Das Harz muss fließen, darf aber nicht zu flüssig sein“, konkretisiert der Harzexperte. „Wir könnten doppelt so viel Harz gebrauchen“, informierte Schusser.

Das richtige Anbohren ist entscheidend

Seit über 20 Jahren sind Ramiz und Meho aus Bosnien als Waldarbeiter in Österreich tätig. Das Harzgewinnungs-Handwerk beherrschen sie mittlerweile bestens. Die Lärchenauswahl überlassen Waldbesitzer den beiden bedenkenlos. In einem Revier der Kirchenforste im Gurktal waren wir beim Pechziehen dabei. „Optimal eignen sich ältere, geschlossene Lärchenbestände, die leicht zu erreichen sind“, meinte Schusser. Bei der Baumauswahl blickte Meho in die Krone einer etwa 120-jährigen Lärche und ergänzte, dass sie vital sein und eine große Krone haben müsse. Um für die nächsten 20 Jahre erfolgreich Harz gewinnen zu können, müssen außerdem der Standort und die Windrichtung akribisch beurteilt werden. Als Ramiz den Bohrer am Stammfuß ansetzte, erklärte Meho, dass man sofort sehe, wie es dem Baum gehe. Sollten braune Späne herauskommen, ist die Lärche faul und sollte demnächst gefällt werden. Diese jedoch hatte makellose weiße Späne und bereits beim Anbohren der Harztasche floss schon etwas Harz heraus. 

Hansaplast der Natur

Ganz wichtig seien die Anlage des Harzkanals und das exakte Verschließen. Schusser dazu: „Das Bohrloch neigt sich zum Kernholz hin um etwa 0,5 bis 1 cm, damit fließendes Harz den Verschluss nicht hinausdrücken kann.“ Schließlich wird das etwa 60 cm tiefe und 3 cm große Loch mit einem Stöpsel gewissenhaft verschlossen (verkient). Schusser prüft, ob er sich eh nicht mit der Hand herausziehen lässt. Die Stöpsel sind aus einem trockenen Lärchenast mit Rinde und exakt konisch abgedrechselt. Sollte der Verschluss nicht 100 % abdichten, gelangen Pilze in den Baum, was fatale Folgen hätte. „Das Harz ist sozusagen das Hansaplast der Natur“, weiß Schusser. „Jetzt müssen wir ein Jahr warten, bis wir bei diesem Baum Pech ziehen können“, verkündete Meho. 

Das Lörget-Ziehen

An einem weiteren Waldort wurden vor Jahren Lärchen angebohrt und die Waldarbeiter zeigten uns den Vorgang des Lörget-Ziehens. Dabei wird mit der Axt der gut sitzende Stöpsel entfernt und mit dem sogenannten Harzlöffel das Lörget durch mehrmaliges Drehen aus dem Baum gezogen – wie es die Fachleute sagen. Um ja keinen Tropfen der wertvollen Substanz zu verlieren, wird das Harz in einem Kübel mit einem eigens angefertigten Abstreifer für den Harzlöffel gesammelt. Der Vorgang wird mehrmals wiederholt, bis kein flüssiges Harz mehr nachkommt. Bei dieser Gewinnungsmethode und unter Einhaltung der Sorgfalt komme der Baum nicht zu Schaden, untermauerte Schusser. Über einen Zeitraum von ungefähr 20 bis 30 Jahren kann die Pech-Nutzung betrieben werden, danach lasse die Harzproduktion des Baumes nach. Im Idealfall kann ein Jahr nach dem Anbohren das erste Pech gezogen werden. Je nach Standort produziert ein Baum unterschiedlich viel Harz und bestenfalls könne alle zwei Jahre Lörget gezogen werden. Pro Jahr und Baum seien an die 100 Gramm Harzproduktion möglich, gab Schusser seine Beobachtungen bekannt. 

Harz- vor Holznutzung

Viele werden sich die Frage stellen, ob die Anbohrung für die wertvolle Baumart schädlich sei? „Wenn es fachgemäß durchgeführt wird, besteht keine Gefahr für die Lärchen“ erklärte Schusser. Der Bestand dürfe nicht zu jung sein und sollte einen Brusthöhendurchmesser (BHD) von mindestens 35 cm aufweisen. Außerdem müsse die Verkienung, also der Bohrlochverschluss, luft- und wasserdicht sein. Wenn die Lärchen nach langer Umtriebszeit in die Sägewerke kommen, erfahren Besitzer oft eine massive Abstufung in der Klassifikation durch den Harzriss im Erdstamm. Wenn an der Lärche jedoch jahrelang Harzgewinnung betrieben wurde, verschließt sich der Harzriss und bringt auch in der Säge noch gutes Geld. Harzer müssen jedoch berücksichtigen, den Stamm unter dem Trennschnitt anzubohren, damit keine Holzverfärbung durch das Bohrloch entstehen kann. Untersuchungen der damaligen Forstlichen Versuchsanstalt Mariabrunn haben ergeben, dass mit der Anbohrung der Lärchen keine Verminderung des Holzzuwachses oder Einflüsse auf die Holzqualität einhergehen. Schusser sagt daher immer: „Harznutzung vor Holznutzung“.

Harze vom Bistum Gurk

Seit etwa drei Jahren bezieht Schusser Lärchenharz von Revieren der Kirchenforste im Gurktal. Neben der regionalen Wertschöpfung ziehe das Bistum Gurk als Grundeigentümer den Nutzen einer Lärcheninventur, erklärte Förster Georg Geyer (30 Jahre).  „Beim Bistum wurden Lärchen historisch immer genutzt und die Nockberge haben dafür ideale Lärchenbestände. Die Harzer vergeben den gebohrten Lärchen Inventurnummern und wir bekommen zusätzlich Informationen, ob der Baum gesund ist“, verdeutlichte Geyer. Die Auswahl der Bäume überlässt der Betrieb uneingeschränkt den fachkundigen Harzern. 

Flüssiges Gold als Nebenprodukt

„Bereits mein Vater setzte sich mit der Harzgewinnung in unserem Wald auseinander. Seit den 90er-Jahren führe ich es fort. Lörget-Ziehen ist ein guter Nebenverdienst“, verrät Hubert Steinwender (49 Jahre), Forst- und Landwirt aus Zweinitz im Gurktal. Es sei für ihn zwar eine zeitaufwendige Tätigkeit, doch gehe er dieser nur nach, wenn sonst keine Arbeit im Wald anfalle. „Gute Bäume kann ich jedes zweite Jahr beernten, andere im dreijährigen Zyklus“, führte Steinwender aus. Auch er bestätigte, dass der Pechriss im Holz beharzter Lärchen kleiner ist. Steinwender hat an die 900 aktive Harzgewinnungs-Lärchen in seinem Wald. Es habe zwar die Ausbeute über die Jahre etwas abgenommen, dafür sei der Preis für Lärchenpech gestiegen. Die eigentliche Kunst sei das sorgfältige Anbohren, denn der Harzkanal müsse getroffen werden und man solle den Wurzelanläufen möglichst ausweichen. „Am besten ist es dort, wo der Stamm am ruhigsten ist. Durch unterschiedliche Wuchsrelationen zwischen Wurzelanlauf und eigentlichem Stamm kann sich der Bohrkanal mit der Zeit verdrehen und man kommt mit dem Harzlöffel nicht mehr hinein. Nicht jede Lärche eignet sich. Über 1400 m Seehöhe sind die Lärchen bei mir brantig und haben fast kein Harz“, erklärte der erfahrene Waldbewirtschafter. Wenn Steinwender nach einem Tag Lörget-Ziehen mit 15 kg heimkommt, ist er mit der Ausbeute zufrieden. Die Umtriebszeit der Lärchen im Revier liege bei 120 Jahren bzw. 50 cm BHD. Der Abtriebszeitpunkt werde durch den Harzertrag bzw. dessen Versiegen bestimmt. 

Harzen in vierter Generation

Bei Familie Eisner Wolfgang (47 Jahre) in St. Salvator im Metnitztal wird bereits in der vierten Generation Lärchenharz gewonnen und an Schusser geliefert. „In erster Linie mache ich es für eine Lärcheninventur. Ich sehe, ob der Baum gesund oder hiebsreif ist, wenn kein Pech mehr kommt, wird er geschlägert“, begründete Eisner, der die Land- und Forstwirtschaft im Nebenerwerb betreibt. „Jede Lärche ab 30 cm BHD ist angebohrt – egal, wo sie steht“, verdeutlichte Eisner. Es sei nicht die Harznutzung, weshalb Lärchen aufgeforstet und gefördert werden, sondern mehr die Widerstandsfähigkeit bei Sturmereignissen, wie beispielsweise Paula 2008. Sohn Jakob (16 Jahre) ist in die Harzgewinnung bereits eingeweiht und lukriert damit ein kleines Zusatzeinkommen. „Die Harzmengen pro Baum sind ganz unterschiedlich. In Summe haben sie jedoch etwas abgenommen“, erklärte der Waldbesitzer. Klar möchte auch er bei dieser schweren Arbeit etwas verdienen.