Hohe Bäume, hohe Ansprüche

Ein Artikel von Thomas Buchhäusl | 12.06.2019 - 16:32

In wenigen Sekunden ist er am Baum. Es schaut auf den ersten Blick auch sehr einfach aus. Doch der Schein trügt. Wilhelm Matzer ist Profi, wenn es darum geht, auf Bäume zu klettern. „Professionalität und Leichtsinn schließen einander aus“, stellt der Baumpfleger klar. Eine akribische Vorbereitung ist in seinem Geschäft unerlässlich. Dazu gehören zuallererst eine genaue Beurteilung des Baumes und das Festlegen einer entsprechenden Route in der Krone. Danach wird die Ausrüstung überprüft. Seile, Gurte, Karabiner und Rollen müssen in einem einwandfreien Zustand sein. Erst dann darf man auf den Baum. 

Und um diesen geht es schließlich auch. „Baumpflege ist sehr vielseitig und verlangt großes Spezialwissen. Daher geht das Fachgebiet auch über den Gärtner-Beruf hinaus“, das zeigt sich auch in Matzers Ausbildungsweg. Gärtnermeister, zertifizierter Arborist, schließlich auch European Tree Technician und rund zwanzig Jahre praktische Erfahrung, davon ein Jahr in England, haben ihn zu dem gemacht, was er heute ist – einem echten Baumexperten. 

Zuerst überlegen, dann handeln

„Zuerst muss man wissen, wo man den Baum schneiden muss. Dann erst überlegt man sich, wie man da hinkommt. Und das alles unter der Prämisse der Sicherheit“, weist Matzer auf das Zusammenspiel von Fachwissen und Klettergeschick hin. „Mich hat Höhe zwar immer fasziniert, doch der Zugang zur Baumpflege führt über die Neugier und das Interesse am Baum selbst.“ Diesen Ansatz hat er in der Vergangenheit auch als Ausbilder und Trainer für den Baumpfleger-Nachwuchs verfolgt und bildet heute seine Mitarbeiter danach aus. 

Fehleinschätzungen und Schlampereien können schwere Unfälle nach sich ziehen. Baumpfleger ist nun einmal ein riskanter Beruf.

Wilhelm Matzer, Baumpfleger

Bäume können gefährlich sein

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Fehltritte können dramatisch enden. Wilhelm Matzer konzen-triert sich bei seiner Arbeit in erster Linie auf die eigene Sicherheit. © Wolfgang Simlinger

Ein kritischer Blick alleine genügt nicht. Wenn es um die Kontrolle von Bäumen geht, nimmt sich Wilhelm Matzer Zeit für jeden Baum. „Übersieht man bei der visuellen Beurteilung etwas, dann können unter Umständen Menschen gefährdet werden.“ Baumkontrollen auf öffentlichen Flächen sollen nach der Norm-Empfehlung jährlich durchgeführt werden, damit das Haftungsrisiko des Baumbesitzers minimiert wird. 

Der Kontrolleur haftet für seine Arbeit. „Eine sehr fordernde Tätigkeit, bei der man viel Verantwortung trägt.“ Die praktische Erfahrung ist hier das A und O. „Wer wenig Erfahrung bei der Beurteilung des Baumzustandes hat, ist unsicher und empfiehlt oft teure und unnötige Maßnahmen oder unterschätzt potenzielle Gefahren.“ Aus diesem Grund ist für Matzer die Prüfung zum FLL-Zertifizierten Baumkontrolleur zu wenig: „Meine persönliche Mindestanforderung für diese Aufgabe ist der European Tree Worker mit mehrjähriger Praxis.“ 

Diagnose mittels Resistografen, Schalltomografen oder Zugversuchen

In den Bereichen Baumkontrolle und Baumkataster spielt zudem die Technik eine große Rolle. Ist eine visuelle Beurteilung des Baumes schwierig, wird mithilfe von Resistografen, Schalltomografen oder Zugversuchen Rückschluss auf die statischen Verhältnisse des Baumes gezogen. Natürlich ist auch die Digitalisierung ein Thema. „Wir haben für die Baumbestände unserer Kunden einen digitalen Baumkataster. Alle Stammdaten inklusive der Koordinaten des Baumes und der Maßnahmenplan sind per Smartphone abrufbar“, erklärt Matzer stolz.

Beruf mit geistigem und sportlichem Anspruch

Sachkunde und das Gefühl für den Baum sind das eine, doch der Spaß darf nicht zu kurz kommen. Dafür nimmt er seinen Beruf im wahrsten Sinne des Wortes sportlich. 

In der Vergangenheit hat Matzer fünf Mal die österreichischen Baumklettermeisterschaften gewonnen. Nach ein paar Jahren Pause will er heuer wieder antreten. „Man darf den Jungen das Feld nicht von vornherein überlassen“, sagt der drahtige Unternehmer augenzwinkernd. Dabei haben diese Wettkämpfe einen ernsten Hintergrund. Es geht im Grunde darum, praktische Situationen unter dem Sicherheitsaspekt und der Berücksichtigung von Rettungs- und Bergemöglichkeiten zu üben. 

Jeder Baum ist anders

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Bevor herabfallende Äste einen Schaden verursachen, entfernt sie der Baumpfleger mit präziser Technik. © Wolfgang Simlinger

Da kein Baum dem anderen gleicht, ist ein vorbereitendes Training schwierig. „Es kommt einfach auf schnelles, intuitives Handeln an. Und da kommt wieder die Erfahrung ins Spiel.“ Wilhelm Matzer ist außerdem ein Wettkampf-Routinier. Von 2008 bis 2015 qualifizierte er sich jedes Jahr für die Europameisterschaft. Den Schnellkletterbewerb konnte er dabei ein Mal für sich entscheiden. Auch eine WM-Teilnahme war schon einmal dabei. „Nur Weltmeister bin ich leider nicht geworden.“

Mit seiner Firma konzentriert sich der Kärntner auf klassische Baumpflege, Baumkataster und Baumschutz bei Bauprojekten. Baumabtragungen sind ein zusätzliches Spezialgebiet. „Um zum Beispiel einen Rasen nicht zu beschädigen, können wir einen Baum auf einer Fläche von einem Quadratmeter abtragen“, gibt sich Matzer selbstsicher. Neben gut ausgebildeten Mitarbeitern braucht er dafür auch spezielles Werkzeug und Gerät. 

Rasantes Branchenwachstum auf Kosten der Qualität

Kritisch sieht der Baumpfleger das rasche Wachstum seiner Branche, was eine immer schnellere Ausbildung vermeintlicher Fachkräfte verlangt. Dabei fehlt oft die Zeit zum Üben und Erfahrung sammeln. „Fehleinschätzungen und Schlampereien können schwere Unfälle nach sich ziehen. Baumpfleger ist nun einmal ein riskanter Beruf“, macht Wilhelm Matzer deutlich. Seine Freizeit verbringt er mit seiner Familie und auf der Jagd. In seiner Jagdgesellschaft ist er wohl auch ein gefragter Mann, wenn es um das Freischneiden von Hochsitzen geht.