Rinde wird Wurst

Ein Artikel von Robert Spannlang (bearbeitet für derwaldbauer.at) | 28.05.2021 - 09:42

Da ist es wieder – hören Sie das? Tok-tok! Tok-tok!“, flüstert Förster Wolfgang Göschl. Und wirklich: Vom Kronenraum her ist aus einer Richtung ein deutliches Klopfen zu hören. Bald entdecken wir einen Buntspecht, der auf einer älteren Fichte vorsichtig sein Jagdglück probiert. „Spechte und Meisen haben mir schon oft Käferbäume verraten, wenn sie außerhalb der Paarungszeit ihre Schnäbel am Holz versuchen. Da liegt meist noch gar kein Bohrmehl am Boden“, raunt mir der 52-jährige Steirer zu. 

Im Wald viel zu Fuss unterwegs
Um solche Signale des Waldes aufzufangen, muss man allerdings „in Berg geh‘“, wie die Leute in der Region sagen – also zu Fuß im Wald unterwegs sein. „Für 60 ha Naturverjüngung werden allein für bei Tanne 12.000 Verbissschutzmanschetten und zwei Mannstunden pro ha und Jahr aufgewendet“, bekennt sein Vater Rainer. Nur: Wenn er zu Fuß durch den Wald streift, dann hat er immer zumindest zwei Dinge dabei – „einen Zwicker und die Klipserl“: Mit der scharfen Astschere hilft er den kleinen Tannen zu entscheiden, welche der nach oben strebenden Triebe sie tatsächlich zum Wipfel machen sollen, und mit den bunten Kunststoffmanschetten mit den borstigen Bärten schützt er diese vor zudringlichen Äsern der Rehe. Inzwischen hat der bald 80-Jährige einen Blick dafür entwickelt, zu welchem Bäumchen er sich an welchem Standort tatsächlich bückt, um eine der blauen und orangefarbenen Manschetten anzubringen. Immerhin müsse er diese ja nach einem Jahr auch wieder „umsetzen“ – vom Vorjahrestrieb auf den des aktuellen Jahres, bis es dem Äser entwachsen ist. „Es gibt auch Standorte, wo die Tanne weniger geeignet ist und wo sie auch ein wenig zurückgebissen werden darf – auf flachgründigen Stellen etwa."

Wenn der Gesetzgeber unsere Wälder schon nicht vor dem Wild schützt, dann sollte er zumindest für den Verbissschutz aufkommen.

Rainer Göschl, Förster

Erste Arbeit: Entrümpelung
Ausgehend vom eigenen Besitz im obersteirischen Hall, haben Vater und Sohn über die Jahre ihren Waldbesitz an verschiedenen Standorten auf insgesamt fast 150 ha erweitert. Die erste Aufgabe sei es immer gewesen, diese Wälder zu „entrümpeln“, so Rainer Göschl. Damit warf der neue Waldbesitz gleich bei seiner ersten Durchforstung eine Rendite ab und durch die vorsichtigen Auflichtungen wurde mit der Revitalisierung auch gleich eine Lenkung in die waldbaulich bevorzugte Richtung eingeleitet. Und diese lautet für den Betrieb in Gams: Struktur- und Artenreichtum von Bestand und Unterwuchs, Fichte, Tanne, Lärche, Eibe und Laubholz wie Ahorn, Buche, Erle. „Manche besonders wüchsigen Standorte eignen sich als Dauerwaldflächen. Wir haben einige Tanne mit BHD über 100 cm und geschätzten 6 bis 8 fm, was einer Bonität von 13 entspricht. Hier ist etwa die Lärche kein Bestockungsziel. In unserem Bestand in Weißenbach auf karbonatischem Untergrund ohne Staunässe ist die Lärche viel vitaler“, verkündet Wolfgang Göschl. Die Tanne habe durch ihren geringen Lichtbedarf als Schattbaumart im Gamser Wald gegenüber der Fichte einen Wachstumsvorsprung von mehreren Jahren, ergänzt der Vater. „Außerdem: Bis die Tanne kernfaul und stockbraun wird – dafür braucht es viel. Und die Ausheilung von Rückeschäden ist bei ihr viel besser als bei der Fichte.“

Reine Notwehr
Doch hehre waldbauliche Pläne nützen wenig, wenn der Wilddruck zu hoch ist. Leider sei es in der Steiermark im Gegensatz zu anderen Bundesländern so, dass die Jäger den Wildstand hoheitlich bestimmen und danach den Abschussplan festlegen, betont Rainer Göschl. „In Oberösterreich etwa wird der Wildstand seit etwa 25 Jahren über Vegetationsgutachten erhoben. Das ist viel objektiver“, ergänzt er. „Einen positiven Effekt kann man bei den Jägern oft nicht mal mit brachialer Überzeugungskraft erreichen. Unsere Klipserl sind reine Notwehr. Aber wer kann schon so viel Zeit aufwenden wie ein Pensionist“, legt sein Sohn noch eins drauf. Aber mit flächenweise aufkommender Naturverjüngung, die den Druck rausnimmt, tut man sich auch leichter im Umgang mit der Jägerschaft, als wenn waldbaulich bereits der Hut brennen würde.
Für Läuterungen und Durchforstungen verwenden die beiden mittlerweile elektrische Motorsägen. Drei Akkus zu je vier Stunden Arbeit – das reicht. Ihr Ziel: 1 Efm je Mannstunde bei plenterartiger Nutzung. „Jeder Eingriff muss sich auch rechnen“, sind sich beide einig. Für die nächsten 50 Jahre sind wir auf unseren 700 bis 1000 m Höhe, Exposition Südost bis Nord, mit unserer Art der Bewirtschaftung definitiv Klimawandelgewinner!“