„Wildtiermanagement ist zu 90% People management“

Ein Artikel von Barbara Schuss | 27.02.2020 - 13:11
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Klaus Hackländer © Wolfgang Simlinger

Der promovierte Zoologe und Universitätsprofessor für Wildtierbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur kam im Jahr 1997 nach Wien, um mit und über Feldhasen zu forschen. Seine jahrzehntelange Erfahrung vermittelt er mit viel Herz und Hausverstand. Der sympathische Pfälzer plädiert für mehr Pragmatismus und Praxistauglichkeit im Naturschutz, aber auch innerhalb der Jägerschaft, und lobt die gute Zusammenarbeit mit den Jagdverbänden. Der Waldbauer durfte ihn an seinem Institut besuchen und mit ihm über Wildtiermanagement, die Jagd und die zukünftigen Herausforderungen, denen sich Jäger stellen müssen, sprechen. Und er verriet uns auch, warum er keinen Jagdschein besitzt.

Herr Dr. Hackländer, wie fühlen Sie sich als Deutscher in dem speziellen Biotop aus österreichischen Jägern, Bauern, Waldbesitzern und Forstwirten?

Es lief viel einfacher, als man das von außen meint. Ich bin ja nicht nur Ausländer, sondern dazu auch noch kein Jäger. D.h., ich habe für viele auf den ersten Blick ein doppeltes Manko zu tragen. Aber die Akzeptanz war von Anfang an sehr hoch, da die Menschen gemerkt haben, dass da jemand ist, der sich für ihre Bedürfnisse, Sorgen und Ängste interessiert und kein Besserwisser ist, sondern zuhört, und als Wissenschaftler auch helfen und einen Beitrag leisten und Antworten auf drängende Fragen geben kann – auch auf solche, die in Zukunft auf uns zukommen werden.

Lag Ihr Fokus immer auf jagdbarem, heimischem Wild?

Das war Zufall. Ich habe Zoologie und Naturschutz in Deutschland studiert und kam im Rahmen meiner Diplomarbeit in ein Projekt, wo es um Murmeltiere im Nationalpark Berchtesgaden (Bayern) ging, die in Deutschland kein jagdbares Wild sind. Nachdem ich die Ergebnisse meiner Arbeit am FIWI (Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien) vorgestellt hatte, wurde ich Teil eines Forschungsprojektes, das sich mit Feldhasen beschäftigt hat, die jedoch am Institut gezüchtet und in Gefangenschaft gehalten wurden. Nachdem ich aus der Freilandarbeit kam, war mir die Frage immer wichtig, ob die Erkenntnisse aus meinen Laborstudien auch in der Praxis Relevanz haben. Finden die Hasen draußen im Revier jene Bedingungen vor, um die großen Würfe durchbringen zu können?

Wie funktioniert die Kooperation mit den jeweiligen Landesjagdverbänden?

Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Es ist wirklich eine Symbiose. Die Jagd hat erkannt, dass sie, wenn sie ihrem Anspruch gerecht werden möchte, Wildtiere nachhaltig zu nutzen, verstehen muss, was ihre Bedürfnisse sind und, dass das Verhalten des Jägers langfristig Konsequenzen hat.

Österreich ist Europameister was die Schalenwilddichten betrifft! Nirgendwo in Europa gibt es so viele Schalenwildarten pro Flächeneinheit. Wir haben 15 Stück Schalenwild auf 100 ha.

Klaus Hackländer, Universitätsprofessor für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien
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Klaus Hackländer © Wolfgang Simlinger

Haben Sie den Eindruck, dass die Jägerschaft aufgeschlossener wird für neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft?

Ja. Die Jägerschaft ist sehr heterogen. Da ist alles dabei: von der reinen Trophäenjagd und dem Fokus aufs eigene Revier bis zu denjenigen, die in Schulen und Kindergärten gehen, um Bildungsarbeit zu machen. Interessant ist, dass die österreichische Jägerschaft, d.h., die einzelnen Verbände plus der einzelnen Jagdausübungsberechtigten, die Kooperation mit der Wissenschaft gesucht hat, bevor es Druck von außen dafür gab. Bereits im Jahr 1976 wurde an der BOKU das Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft gegründet. Ein Jahr später das Institut für Wildtierkunde an der Veterinärmedizinischen Universität. Diese Einrichtungen wurden gegründet, weil es damals schon Bedarf gab, sich dem Thema wissenschaftlich zu nähern, um diejenigen auszubilden, die unsere Kulturlandschaft bewirtschaften. Wild als Teil des Ökosystems Wald soll in Forschung und Lehre vertreten sein und Wien ist ein Hotspot in der europäischen Wildtierforschung und -lehre.

Wie sehen Sie die Zukunft der Jagd? Glauben Sie, dass das Jagdrecht bestehen bleiben kann?

Die Jagd ist ja nichts Statisches. Sie war und ist einem stetigen Wandel unterworfen: gesellschaftlich, rechtlich und technisch. Das, was wir heute als Jagd kennen, unterscheidet sich ja von dem, was man vor 50 Jahren unter der Jagd verstanden hat. Heute haben wir viel mehr Aufgaben, die wir als „jagdliche Dienstleistung“ verstehen. Wildtiermanagement ist das Schlagwort und die Jagd ist ein Teil davon. Wildtiere kann ich auch anders „managen“, als sie zu bejagen, z. B. durch Besucherlenkung, Änderung des Waldbaus oder die Gestaltung der Flächen in der Landwirtschaft. 

Wo sehen Sie im Speziellen die Herausforderungen?

Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit. Unsere Kulturlandschaft produziert Urprodukte, die im globalen Wettbewerb stehen. Wir haben schnelle Veränderungen in der Agrarlandschaft. Es kommen immer neue Herausforderungen hinzu, wie aktuell der Klimawandel oder der Wolf und der jagende Mensch muss sich anpassen. 

Wird es die Jagd in 30-40 Jahren noch geben?

Ja, bestimmt, jedoch unter geänderten Umständen. Vielleicht wird man sie auch anders nennen, vielleicht „Wildlife Management“, weil der urbane Mensch damit besser umgehen kann. Aber das Töten von Wildtieren wird es immer geben, weil es in unserer Kulturlandschaft Gewinner und Verlierer gibt. Und die Jagd kümmert sich um beide. Die Verlierer brauchen den Schutz, die Hilfe und den Lebensraum und die Gewinner müssen reduziert werden. 

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Klaus Hackländer © Wolfgang Simlinger

Welche Arten werden vom Klimawandel profitieren, welche werden verlieren?

Generalisten, die keine bestimmten Ansprüche an ihre Lebensräume haben, werden gewinnen, Spezialisten werden verlieren. Gewinner sind jene Arten, die heute schon überall vorkommen, wie z. B. der Fuchs oder das Schwarzwild. Verlieren werden diejenigen, die sich eng auf eine bestimmte stabile Klimasituation eingestellt haben. Das sind im Alpenraum z. B. das Alpenschneehuhn und der Schneehase. Das sind Arten, die als „Eiszeitrelikte“ bezeichnet werden. Sie sind bei uns hängen geblieben, als sich die Gletscher nach der letzten Eiszeit nach Norden zurückgezogen haben. Auch der Auerhahn ist ein solches Eiszeitrelikt, weil er offene Waldlandschaften braucht, die mit einem Wirtschaftswald nichts gemeinsam haben. Wenn das Auerwild nicht jagdlich genutzt werden darf, wird es verschwinden, weil es für den Grundeigentümer kein Interesse geben wird, seinen Wald „auerhuhnfreundlich“ zu bewirtschaften. Überall dort, wo man das Auerwild noch bejagen darf, sind die Bestände stabil. 

Gibt es auch Arten, die sich unabhängig vom Klimawandel ausbreiten?

Ja. Das auffälligste Beispiel ist hier der Wolf. Der konnte durch den Fall des Eisernen Vorhangs zu uns einwandern und er vermehrt sich, weil er einen strengen Schutzstatus hat.

Wie beurteilen Sie aus der Perspektive des Wildbiologen den klassischen Forst-Jagd-Konflikt und die Verbissschäden durch Rot- und Rehwild?

Österreich ist Europameister, was die Schalenwilddichten betrifft! Nirgendwo in Europa gibt es so viele Schalenwildarten pro Flächeneinheit. Wir haben 50 Stück Schalenwild auf 100 ha. Deshalb ist Österreich als Jagdland auch so interessant. Die Rotwildbestände entsprechen nicht der Lebensraumtragfähigkeit. Es ist nicht so, dass das Wild nicht genug zu fressen hätte. Das Problem ist, dass es Pflanzen frisst, die auch der Mensch nutzt. Die Bejagung führt nicht zu einer Abnahme des Bestandes. Es wird der Zuwachs nicht abgeschöpft. Beim Rotwild gibt eine jährliche Zuwachsrate von 20 %, d.h., es müssten mindestens 20% des Bestandes erlegt werden, um einen gleichbleibenden Bestand zu halten. Das geschieht aber nicht.

Was sind die Gründe für zu geringe Abschusszahlen?

Die Frage ist, ob überhaupt Interesse besteht, den Bestand zu reduzieren. Was hat für den Grundeigentümer oder Pächter Vorrang? Die Jagd oder die Forstwirtschaft? Es wurden in der Vergangenheit Rotwildbestände aufgebaut, die den Jagdwert deutlich erhöht haben, gleichzeitig jedoch zu Einbußen in der Forstwirtschaft geführt haben. Rotwild ist mobil und reagiert auf Jagddruck, indem es schwieriger zu bejagen wird. Das (Rot-)Wild ist uns immer einen Schritt voraus. Deshalb muss ich bei zu hohen Wildständen zuerst den Mut haben, den Jagddruck zu reduzieren, um das Wild vertrauter zu machen, um danach in kurzer Zeit wieder viel Strecke machen zu können. 

Wird durch den Einsatz von Schalldämpfern und Nachtsichtzielgeräten die Bejagung leichter werden?

Der Mensch schafft eine „Landschaft der Furcht“. Wo der Mensch tötet und es Zeugen gibt, wird der Mensch dazu führen, dass ein unattraktiver Lebensraum entsteht. Das Wild weiß genau, wann die Schusszeiten beginnen und wann sie enden, und richtet seinen Tag-Nacht-Rhythmus danach aus. Wenn nun ein Schalldämpfer verwendet wird, kann das Wild den Schuss nicht orten, es bekommt aber mit, dass etwas passiert. Und das Wild wird daraus lernen und sich darauf einstellen.

Gibt es also durch den Einsatz dieser Hilfsmittel wieder keine Möglichkeit, den Schalenwildbestand auf ein verträgliches Maß zu reduzieren?

Man muss klug sein. Einerseits muss ich auf potenziellen Schadflächen den Jagddruck mithilfe der Schalldämpfer und Nachtsichtzielgeräte erhöhen und andererseits Ausgleichsflächen schaffen, wo sich das Wild zurückziehen und erholen kann und nicht bejagt wird. Das bedeutet aber, dass ich mich als Grundeigentümer mit meinen Nachbarn absprechen muss. Und das birgt das größte Konfliktpotenzial. Wildtiermanagement ist einfach zu handhaben, die Herausforderung ist das „People Management“. Wir als Wissenschaftler wissen, wie man mit Wildtieren umgeht, aber wir scheitern am Umgang mit den unterschiedlichen Interessen von Eigentümern, Nachbarn, Behörden und Vertretern von NGOs. 

Herr Dr. Hackländer, wollen Sie nicht doch den Jagdschein machen? Mit Ihrem Wissen wäre es doch eine reine Formalität.

Ich bin beruflich auf vielen Jagden unterwegs. Jedoch nicht als Schütze, sondern als Beobachter. Die Frage ist, ob dem Prüfer meine Antworten gefallen würden (lacht). Wir haben die Situation, dass das Wissen sehr schnell wächst, die Zusammenhänge anders verstanden werden und die Ansprüche bei der Prüfung noch tagesaktuell sind. Ich halte es für essenziell, dass die Prüfer regelmäßig weitergebildet werden. Keinen Jagdschein zu besitzen, hat für mich den großen Vorteil, dass ich unabhängig und unparteiisch bleiben kann. Das gibt mir die Freiheit, über die Jagd positiv oder negativ zu sprechen, ohne in eine Schublade gesteckt zu werden.

Welches Jagderlebnis hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?

Das waren immer Jagden, wo sich der Jagende einer Herausforderung stellen und etwas können muss und nicht nur gut ausgerüstet ist. Irgendwo hinzufahren, um etwas abzuschiessen, ist für mich keine Jagd. Ich möchte Teil der Natur sein und verstehen, was da passiert, das war z. B. bei der Gamspirsch im Gebirge, der Brackierjagd oder der Falknerei.

DER WOLF
Im Spannungsfeld von Land- & Forstwirtschaft, Jagd, Tourismus und Artenschutz

Klaus Hackländer
Leopold Stocker Verlag
Umfang: 216 Seiten
Zahlreiche Farbabbildungen & Grafiken