Wenn der Wald nach Geld stinkt

Ein Artikel von Michael Reitberger | 23.11.2020 - 09:48

Das Wichtigste zusammengefasst

  • Aufforstung wird zum Billionen-Business
  • Auslöser ist der Klimawandel und dessen Bekämpfung
  • Bäume als CO2-Vernichter sollen Geld in Staats- und Firmenkassen spülen
  • China und Neuseeland sind Vorreiter
  • 2050 sollen geschätzt 800 Mrd. US-Dollar Umsatz pro Jahr generiert werden

Die Bekämpfung des Klimawandels entwickelt sich immer stärker vom notwendigen Laster hin zum "Big Business" für Staats- und Finanzwelt. Nach Wasser- und Solarenergie, Elektroantrieben und Luftwärmepumpen sind es jetzt die Bäume, auf die es Investoren abgesehen haben.

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Unversiegbare Geldquelle Wald? Aufforstung soll für Milliardenumsätze sorgen. © shutterstock.com

Im Kern geht es beim sogenannten "Carbon removal" darum, CO2 aus der Luft zu filtern, was Bäume bekanntlich noch immer am besten können. Deshalb setzen schon heute Staaten wie China und Neuseeland im ganz großen Stil auf das Thema Aufforstung. Laut einem Bericht von Focus Online möchte China innerhalb der nächsten 40 Jahre rund eine Milliarde Bäume pflanzen. Man schätzt, dass damit bereits ein Drittel aller notwendigen CO2-Einsparungen des Landes geleistet werden kann.

Aus Not wird Tugend - Bäume pflanzen rentiert sich besser als CO2-Zertifikate kaufen

Aber nicht nur Staaten, auch Großkonzerne wittern lukratives Geschäft: Unternehmen wie Shell, BP, Amazon, Apple und Microsoft investieren bereits Milliarden Euro in die Aufforstung von Wäldern und bessern damit ihre eigenen CO2-Bilanzen auf. Laut Focus Online habe der Ölriese Shell in das Pflanzen von fünf Millionen Bäumen in den Niederlanden und 800 Hektar Wald in Australien investiert. BP sorge sich in Sambia um 40.000 Hektar Wald und der französische Ölkonzern Total investiere laut dem Bericht sogar 100 Millionen US-Dollar pro Jahr in Waldprojekte auf der ganzen Welt.

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Mann pflanzt Bäume im Zuge eines Aufforstungsprojekts in Malaysien © Farid Suhaimi / shutterstock.com

Solche Umweltprojekte können Unternehmen unter anderem auch dazu dienen, Strafzahlungen vorzubeugen. Diese drohen, wenn Unternehmen an den auferlegten Klimaschutzzielen vorbeischlittern. Denn, wenn sich ein Staat einem Klimaschutzabkommen verpflichtet, muss er auch dafür sorgen, dass seine CO2-Emittenten - allen voran die produzierenden Industrien - Grenzwerte hinsichtlich ihres jährlichen CO2-Ausstoßes einhalten.

Um das sicherzustellen, gibt es für Unternehmen die Möglichkeit, teure CO2-Zertifikate zu erwerben. Doch viele haben bereits erkannt, dass es billiger ist, in sogenannte "Naturbasierte Lösungen" (NBS) wie Waldaufforstung zu investieren, anstatt teure CO2-Zertifikate zu kaufen. So erklärt sich das Business-Modell dahinter.

Mehrere Billionen Euro prognostiziert eine Studie

Forscher von Vivid Economics haben sich kürzlich dem Thema mit einer eigenen Studie gewidmet. Darin wird proklamiert, dass der Wirtschaftssektor "Carbon Removal" bis 2050 auf einen Wert von 1,2 Billionen US-Dollar anwachsen könnte. 800 Mrd. US-Dollar Umsatz würden dann pro Jahr damit erzielt werden.

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Scharfe Kritik an der praktischen Umsetzung

Unabhängig von seiner Rentabilität sei laut der oben genannten Studie die Aufforstung der Wälder (unter anderem) jedenfalls notwendig, um die Klimaschutzziele des Pariser Klimaabkommens im Jahr 2050 zu erreichen. Auf Kritik stoßen solche Aufforstungsprojekte immer wieder. Vor allem dann, wenn in großem Stil Monokulturen angepflanzt werden. Diese würden laut Kritikern weniger CO2 aufnehmen können als Mischwälder, zudem seien sie instabiler und pflegebedürftiger. Ein weiterer Kritikpunkt zielt darauf ab, dass viele Aufforstungsprojekte nur die Aufforstung an sich, nicht aber die Nachsorge der gepflanzten Setzlinge in Betracht ziehen. So komme es nicht selten vor, dass gepflanzte Jungbäume aufgrund fehlender Pflege wieder absterben. Dann würden die Projekte zwar in den Statistiken aufscheinen, aber in der Praxis würden keine nennenswerten Klimaschutzmaßnahmen erzielt werden.

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Investor Guide Waldaufforstung © Vivid Economics

Die Studie "An investor guide to negative emission technologies and the importance of land use" zum Download:

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